Zweifel an der Authentizität

Das zweifelnde Selbst

Obwohl mein Entschluss ziemlich einschneidend war, begann die Reise erst einmal mit viel Leichtigkeit. Nämlich mit einer Ausbildung zur Zen-Lehrerin: interessanten Seminaren, überraschender Literatur, einem regen Austausch mit anderen Schülern und Lehrern und vor allem viel gemeinsamer Meditation. Erst als ich das Zen-Lehrer-Zertifikat in Händen hielt, wurde es ernst.

Gruppenbild der feierlichen Übergabe der Zertifikate nach Abschluss der Zen-Lehrer-Ausbildung in den Niederlanden bei Zen.nl. Die Absolventen halten ihre eingerahmten Diplome.
Der erste Schritt ist geschafft. Jetzt wird’s ernst.

Nun war ich auf mich allein gestellt. Der Plan hatte sich am Anfang einfach angefühlt: Baue eine Website, miete einen Raum und biete einen Kurs an. Doch plötzlich wehrte sich etwas in mir. Ich zweifelte: Wer bin ich eigentlich, dass ich das mache? Bin ich wirklich der Typ für eine Zen-Lehrerin? Diese Rolle, auf die ich mich in den letzten Jahren vorbereitet hatte, erschien mir auf einmal fremd. Fast unbemerkt schob ich die notwendigen Folgeschritte immer wieder vor mir her. Irgendwie fühlte sich dieser Weg nicht authentisch an.

Das authentische Selbst

Authentizität gilt in unserer Gesellschaft als hohes Gut. Sie steht für Ungezwungenheit und den Mut, sich selbst zu zeigen. Dahinter verbirgt sich der tief verankerte Gedanke, dass wir in unserem Inneren ein unveränderliches wahres Selbst besitzen. Unsere Lebensentscheidungen sollen der getreue Ausdruck dieses Kerns sein. Wer nicht im Einklang mit dieser Essenz lebt, fühlt sich entfremdet und wirkt gekünstelt. Und ich zweifelte jetzt stark daran, ob meine sogenannte Authentizität dem Beruf der Zen-Lehrerin entsprach – denn warum sonst spürte ich nun diese Blockade, selbst die einfachsten Folgeschritte zu gehen?

Nicht-Selbst

Im buddhistischen und daoistischen Denken spielt die Authentizität keine Rolle. Stattdessen geht man vom Konzept des Anatta oder dem daoistischen Wu Wo aus, das als Nicht-Selbst übersetzt werden kann. Das, was wir Persönlichkeit nennen, wird nicht als eine statische Essenz gesehen, mit der wir geboren werden und die wir während des Lebens entfalten sollen. Unsere Persönlichkeit ist eher ein dynamischer Prozess, der in ständigem Austausch mit der übrigen Welt steht. Entscheidungen hängen maßgeblich von den Bedingungen ab, die wiederum die Bedingungen beeinflussen. Es gibt im Grunde kein von der Wirklichkeit losgelöstes Ich, das seinen Werdegang ständig auf ein unabhängiges, authentisches inneres Zentrum abstimmen muss.

Die Entscheidung des Nicht-Selbsts

Wenn ich an den Moment zurückdenke, in dem ich meinen Entschluss fasste, spielte ein Ich, das authentisch sein wollte, gar keine Rolle. Während eines Sesshins, bei dem wir lange Tage meditieren und die Stille bewahren, tritt das ständig plappernde Ego ohnehin in den Hintergrund. Das schafft Raum für das leise Rufen des Moments – die innere Stimme, die mir das Bedürfnis offenbarte, das gerade Erlebte auch für andere zugänglich zu machen. Die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, ergab sich ganz von selbst, quasi aus den Umständen heraus. Da war diese tiefe Erfahrung der Verbundenheit. Da war Zen.nl, der Organisator des Sesshins, der praktischerweise auch Zen-Lehrer-Ausbildungen anbot. Und da war ich, die nach zwanzig Jahren Übersetzungstätigkeit einfach mal etwas anderes machen wollte. Im Nachhinein fühlte es sich an, als hätte der Entschluss schon festgestanden und wäre mir nur noch ins Bewusstsein getreten.

Das befreite Selbst

Als ich nach der Ausbildung an meinem Schreibtisch saß und merkte, wie ich prokrastinierte und meine Gedanken um mein authentisches Selbstbild kreisten, erinnerte ich mich wieder an diese ursprüngliche Klarheit. Ein Weg, der aus einer Erfahrung von tiefer Klarheit entsteht, bedeutet nämlich nicht, dass das Ego danach für immer schweigt. Im Gegenteil: Es fühlt sich hintergangen, rebelliert und sät immer wieder Zweifel, auf die man sicherlich hören darf, von denen man sich jedoch nicht unbedingt bestimmen lassen sollte.

Gerade das fühlte sich an wie eine Befreiung: die Erkenntnis, dass ich mich von diesem ständigen Geplapper in meinem Kopf nicht mehr leiten lassen musste. Das Ego mag weiterreden und an der Authentizität zweifeln, aber für mich kam es nicht infrage, jetzt einen Rückzieher zu machen. Und so machte ich mich schlau, wie man eine Website baut, mietete einen Raum und war bereit, allen Hindernissen auf meinem Weg mit genau dieser Zuversicht zu begegnen.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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