Flow und Zen auf dem Sofa

Enttäuscht lümmle ich auf dem Sofa. Ich hatte mich riesig darauf gefreut, während der Weihnachtsferien zwei Wochen lang absolut nichts zu tun: keine Pflichten, keine Pläne, einfach die Seele baumeln lassen. Das Ergebnis? Ich liege hier und grübele über all das, was mir dieses Jahr nicht gelungen ist – und das macht mich traurig.

Zeichnung einer Frau, die lächelnd auf einem beigefarbenen Sofa liegt. Sie symbolisiert das passive Ausruhen, das oft das Default Mode Network und ungewolltes Nachgrübeln auslöst.

Glücklicher bei der Arbeit?

Ich denke an das Buch Flow von Mihaly Csikszentmihalyi. Der Psychologe untersuchte Tausende von Menschen, die über einen Pager in zufälligen Momenten notieren mussten, was sie gerade taten und wie sie sich fühlten. Entgegen der gängigen Annahme fühlen sich Menschen bei fokussierter Arbeit wohler als in ihrer Freizeit beim Nichtstun auf dem Sofa.

Auch ich kenne die Glückserfahrung des Flows, die sich einstellen kann, wenn ich konzentriert arbeite. Ähnliches erlebe ich, wenn mir die Meditation gut gelingt und Ablenkungen minimal sind. Dann vergeht die Zeit wie im Flug, die Glocke überrascht mich und ich fühle mich danach voller Energie und Vitalität.

Das unglückliche Ich im DMN

Tatsächlich fällt mir immer wieder diese Korrelation auf: Je mehr du mit dir selbst beschäftigt bist, desto weniger glücklich bist du. Und je mehr du in einer Aufgabe aufgehst und nicht an dich selbst denkst, desto tiefer ist die Erfahrung von Ruhe und Erfüllung.

Die Gehirnforschung erklärt dies durch das Zusammenspiel zweier neuronaler Netzwerke: das Default Mode Network (DMN), das aktiv wird, wenn du gerade nichts zu tun hast, und das Central Executive Network (CEN), das anspringt, sobald du dich auf eine konkrete Aufgabe fokussierst. Wenn das DMN dominiert, verfallen wir schnell ins Grübeln über uns selbst. Enttäuschungen aus der Vergangenheit und Sorgen um die Zukunft drängen ins Bewusstsein und schlagen auf die Stimmung.

Dass das Denken über sich selbst so viel Unruhe auslöst, ist logisch: Das Ich-Bewusstsein im DMN ist ein Überlebensmechanismus. Es erzeugt kontinuierlich potenzielle Bedrohungen für das Ich. Passiv auf dem Sofa, dringen diese ungefiltert in unser Bewusstsein. Um diese Unsicherheit zu kompensieren, verlangt dasselbe Ich ständig nach Erfolg. Erfolgserlebnisse lösen zwar Glücksgefühle aus, die als Dopaminkick im Körper nachweisbar sind, doch die Genugtuung verfliegt schnell, sobald die nächste Bedrohung auftaucht.

Das glückliche Nicht-Ich im CEN

Die Erfahrung im Flow oder in tiefer Meditation ist von anderer Qualität. Es ist eine Glückserfahrung, die entsteht, wenn das Ich ganz in den Hintergrund tritt. Eine Erfahrung des Nicht-Ichs.

Richtest du deine Aufmerksamkeit voll auf eine Aufgabe – wie etwa das Zählen der Ausatmungen im Zazen –, unterdrückt das CEN die Aktivität des DMN. Das energiezehrende Ich-Narrativ verstummt und seine Bedrohungen lösen sich auf – deine gesamte Energie fließt in das aktuelle Tun. Das bringt eine tiefe, stabile Ruhe.

In der Zen-Meditation trainierst du genau dieses Umschalten zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen DMN und CEN. Jedes Mal, wenn du das gedankliche Abschweifen bemerkst und die Aufmerksamkeit zur Aufgabe zurückholst, tritt das Rauschen des DMN in den Hintergrund.

Dadurch findest du bei Ablenkungen schneller zurück zu dem, was du gerade machst, und erhöhst die Chance auf Flow-Erlebnisse und entspannte Präsenz im Alltag. Ich nenne das nachhaltiges Glück: einen inneren Zustand, der unabhängig von Erfolgen oder äußeren Umständen ist.

Raus aus der DMN-Grübelfalle

Mir wird klar, was hier gerade mit mir passiert: Ich stecke mitten im Rauschen des DMN fest. Ich beschließe, den Rest meines Urlaubs anders zu gestalten und nicht länger in dieser Lähmung zu verharren.

Ich stehe vom Sofa auf, nehme mir meinen Kalender und plane bewusst Aktivitäten ein: einen Museumsbesuch, Zeit zum Lesen und einen Spaziergang. Indem ich meiner Freizeit eine klare Struktur gebe, aktiviere ich gezielt das CEN – und verwandle die unstrukturierte Passivität wieder in echte Erholung. Ich nutze die Ferienzeit endlich für all das, wofür im Alltag sonst die Zeit fehlt.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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