Von Leonne Boogaarts
Wie du mit Zen Probleme besser meisterst
Der Schmerz ist weg! Ich nehme gerade an einem Sesshin ↗ teil und am Nachmittag fingen meine Beine an, nach vielen Stunden des Meditierens heftig und schmerzhaft gegen das Stillsitzen in der unbequemen Lotushaltung zu protestieren. Seitdem kreisen meine Gedanken während jeder Zazen-Sitzung ↗ um den Schmerz, und ich warte ungeduldig auf die Glocke, die das Ende der Sitzung einläutet.
Und nun ist der Schmerz plötzlich weg. Zumindest fühlt es sich so an. Wenn ich genauer hinspüre, wird mir klar: Meine Beine protestieren immer noch, aber irgendwie zieht der Schmerz meine Aufmerksamkeit nicht mehr auf sich. Ich fühle mich frei und genieße die Stille, die Konzentration und die Dunkelheit draußen.

Ich freue mich schon auf das nächste Sesshin, das ich schmerzfrei durchstehen werde – so zumindest meine feste Erwartung. Ab jetzt werde ich mich problemlos auf meine Atmung konzentrieren können, ohne mich noch mit den Schmerzen herumschlagen zu müssen.
Die Enttäuschung: Der Schmerz kehrt zurück
Während des nächsten Sesshins verlaufen die ersten beiden Tage auf dem Kissen gut, wie eigentlich immer. Doch dann kehrt der Schmerz zurück. Ich bin enttäuscht und versuche mit aller Kraft, die befreiende Erfahrung des vergangenen Sesshins wiederzufinden.
Ich konzentriere mich krampfhaft auf meinen Atem, doch meine Gedanken werden unerbittlich zu meinem linken Fuß zurückgezogen, der das schmerzhafte Signal aussendet, dass er sich jetzt wirklich bewegen will. Je stärker ich versuche, den Schmerz wegzumeditieren, desto gnadenloser holt er mich ein.
Das Paradox unseres Widerstands
Diese Erfahrung hat mich noch lange beschäftigt. Über viele weitere Sesshins hinweg – mal mit Schmerzen, mal fast schmerzfrei – wurde mir allmählich ein tiefes Paradoxon bewusst. Und dieses Phänomen beobachte ich längst nicht mehr nur auf dem Kissen, sondern auch im Alltag bei mir selbst und anderen: Wir wollen Schmerz, Stress oder Sorgen loswerden, jedoch hält gerade der Widerstand dagegen diese Probleme aufrecht.
Gefangen im Lösungskreislauf
Unser Gehirn scannt die Realität ständig nach unerwünschten Zuständen ab und entwickelt daraufhin Lösungen. Das ist seine eigentliche Aufgabe – selbst wenn es in einer bestimmten Situation gerade nichts zu lösen gibt. Solange wir eine Situation als problematisch wahrnehmen, sucht es unaufhörlich nach Lösungen.
Das führt dazu, dass das Gehirn unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf unsere Probleme lenkt, auch dann, wenn wir keinen Einfluss auf die Ursachen haben. Und deshalb wandert meine Aufmerksamkeit immer wieder zum Schmerz, auch wenn ich mir vorgenommen habe, bis zur Glocke in dieser Haltung sitzen zu bleiben – und das, obwohl ich genau weiß, dass diese Haltung mir nicht schadet.
Zazen: Ausweg oder Ablenkung?
Im Laufe der Jahrhunderte hat sich in Asien eine Übung entwickelt, um besser mit diesem Mechanismus umzugehen: Zazen. Während du deinen Fokus ganz bewusst auf den Atem richtest, trainierst du dein Gehirn, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – selbst wenn es im Hintergrund unermüdlich seinen Kreislauf aus „Scannen, Bewerten, Lösen“ fortsetzt.
Wie ich im zweiten Sesshin schmerzlich feststellen musste, ist Zazen kein Ablenkungsmanöver. Je mehr ich versuchte, mich auf meinen Atem zu fokussieren, um dem Schmerz zu entkommen, desto intensiver richtete sich meine Wahrnehmung erst recht auf diesen Mechanismus. Der Ausweg blieb mir versperrt, weil ich die Situation abermals als Problem definierte.
Zazen: kein Quick Fix
Das Zazen-Training besteht darin, die eigene Ablenkung einfach zu bemerken und den Geist sanft, aber bestimmt wieder zum Atem zurückzubringen. Jedes Mal, wenn du das tust, trainierst du deine mentale Kraft. Während der Zazen-Sitzung treten deine Probleme dadurch manchmal in den Hintergrund, und manchmal fordern sie dich weiterhin heraus. Beides gehört zur Praxis.
Es gibt keinen magischen Knopf, um diese Dynamik sofort abzuschalten. Aber durch dieses kontinuierliche Üben wirst du immer besser darin, deine Aufmerksamkeit genau dort zu halten, wo sie im Moment gebraucht wird. Und genau so lernt dein Gehirn, gelassener mit unangenehmen Situationen umzugehen.
Das Beste aus der Situation machen
Wenn ich jetzt beim Sitzen Schmerzen verspüre, versuche ich nicht mehr, diese krampfhaft wegzumeditieren. Ich versuche einfach, meine Aufmerksamkeit immer wieder auf den Atem zu richten. Manchmal gelingt das, und manchmal wandert meine Aufmerksamkeit bei jedem Atemzug wieder zum Schmerz zurück. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als das Beste aus dieser Situation zu machen: Da ich ohnehin noch eine Weile in dieser unbequemen Haltung sitzen bleiben möchte, nutze ich diese Zeit einfach dazu, meine Aufmerksamkeit so gut wie möglich zu trainieren.
Vom Problemkreislauf zur Kraftquelle
Dieses Training auf dem Kissen sorgt dafür, dass der beschriebene Kreislauf deines Gehirns am Ende für dich arbeitet, statt gegen dich. Wenn wir unseren Fokus trainieren, verlieren wir keine kognitive Energie mehr im sinnlosen Kampf gegen die Realität. Der Problemkreislauf verwandelt sich in eine echte Kraftquelle, mit der du deine Problemlösungsfähigkeit weitaus effizienter nutzt und deine Entscheidungsfähigkeit im Alltag steigerst.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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