Von Leonne Boogaarts
Vom Palast zur Stille von Zazen
Gautama Siddhartha, der spätere Buddha, wuchs als Prinz in einem Palast mit hohen Mauern auf, den sein Vater errichten ließ, um seinen Sohn vor dem Leid der Außenwelt zu schützen. Innerhalb des Palastes führte Siddhartha ein luxuriöses Leben mit den köstlichsten Speisen, wunderschönen Gärten und stets gesunden jungen Menschen um sich herum. Wenn der junge Prinz einmal den Palast verlassen musste, sorgten die Diener seines Vaters dafür, dass die Straßen von Leid gesäubert waren und er nur fröhlich jubelnde Menschen sah.

Vier Begegnungen, die die Welt veränderten
Doch selbst der mächtige König konnte das Leid nicht aus dem Leben seines Sohnes fernhalten. Bei seinen Ausflügen holte die Realität den Prinzen ein: Er sah einen Kranken, von Fieber geschüttelt und voller Entzündungen. Er begegnete einem alten Mann – zahnlos, tief gebückt und sich nur mühsam voranschleppend. Und er wurde Zeuge einer Leichenverbrennung, bei der die Angehörigen um den glühenden Leichnam trauerten. Sein Diener erklärte dem zutiefst erschütterten Prinzen, dass Krankheit, Alter und Tod unvermeidlich seien und dass auch er diesem Leid nicht entkommen würde. Schließlich begegnete er einem Mönch, der aus Leichentüchern gefertigte, mit Safran desinfizierte Gewänder trug. Er lächelte, zufrieden und glücklich. Auch dieser Anblick berührte Siddhartha tief.
Diese Begegnungen ließen den jungen Prinzen nicht mehr los: Das Leiden der Menschen, denen er begegnet war, hallte in ihm nach. Warum leiden wir? Wie können wir angesichts dieses Leidens glücklich werden? Ist es möglich, frei von Leiden zu sein? Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als den Palast zu verlassen und sich auf die Suche nach Antworten zu begeben.
Das unangenehme Leiden der anderen
Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich gerade achtzehn geworden war und meine Mutter mir erzählte, dass der Nachbar verstorben war. Die Nachbarin, die nun auf sich allein gestellt war, tat mir so leid. Aber ich empfand die Situation auch als unangenehm. Was sagt man zu jemandem, dessen langjähriger Lebenspartner plötzlich nicht mehr da ist? Ich merkte, dass ich begann, ihr aus dem Weg zu gehen: kurz grüßen und schnell weitergehen. Auch in meinem späteren Leben wurde ich immer wieder mit meiner Neigung konfrontiert, dem Leid in meinem Umfeld auszuweichen.
Eine Freundin, die ein Kind verloren hatte, erzählte mir, dass manche Bekannte sie nicht mehr besuchten oder auf die andere Straßenseite wechselten, wenn sie sie sahen. Das Leiden des anderen konfrontiert uns mit unserer eigenen Vergänglichkeit und dem Schicksal, das auch uns treffen kann. Ein Freund erzählte mir, wie schwer es ihm fiel, eine enge Freundin mit einer unheilbaren Krankheit zu besuchen. Er fühlte sich so machtlos. Jedes Mal, wenn er sie sah, war sie schwächer, und so sehr er es auch wollte, er konnte ihr nicht helfen.
Krankheit, Alter und Tod gehören unausweichlich zum Leben. Und doch ist der Impuls oft so stark, dem Schmerz anderer auszuweichen, dass wir selbst nahestehenden Menschen nur noch schwer begegnen können.
Zazen: Die ungeschützte Begegnung mit der Realität
Auch Buddha erkannte auf seiner Suche die Angst und den Widerstand der Menschen gegen die Vergänglichkeit von Körper und Geist. Die Antwort, die er nach langem Suchen fand, fasste er in seinen berühmten Vier Edlen Wahrheiten zusammen. Das Leiden gehört zum Leben, aber wir können lernen, ihm nicht mehr auszuweichen. Denn dieses Ausweichen hilft uns nicht – es erzeugt oft nur noch mehr Leid.
Der Umgang mit dem Leiden steht im Mittelpunkt aller buddhistischen Traditionen. Auch in der Zen-Praxis geht es nicht darum, dem Schmerz auszuweichen, sondern ihm offen zu begegnen. Ich betrachte meinen Zen-Weg als eine lebenslange Übung in Selbstreflexion, Meditation und der Erforschung der eigenen Erfahrungen. Manche sind leicht zu ertragen und schenken Freude und Glück, andere sind schwieriger und konfrontieren mich direkt mit meiner eigenen Vergänglichkeit.
In solchen Momenten spüre auch ich Widerstand gegen die Stille des Zazen, weil ich dort ohne den Schutz jeglicher Ablenkung direkt mit dem gegenwärtigen Moment konfrontiert bin. Meine tägliche Auseinandersetzung mit der wechselhaften Realität in der Stille macht mich jedoch widerstandsfähiger und hilft mir, das Leben zu tragen, ganz gleich, was auf mich zukommt. Genau darum geht es im Zen.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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