Von Leonne Boogaarts
Die befreiende Zen-Praxis des Nicht-Suchens
Den ganzen Tag saß ich an meinem Schreibtisch und habe viel erledigen können – meinen Zen-Kurs vorbereitet und Artikel für meine Website geschrieben. Mein Vorsatz, mich mehr zu bewegen, blieb dabei jedoch auf der Strecke. Mir ist bewusst, dass mein sitzender Lebensstil nicht gut für mich ist und meiner Gesundheit schadet. Das ärgert mich, und ich suche nach Möglichkeiten, das zu ändern.
Wie mir geht es den meisten Menschen: Wir wissen ganz genau, wie wir gerne leben würden oder was sich an unserer Situation ändern müsste, um das Leben zu führen, das wir uns wünschen. Und es gelingt uns oft nicht, dies umzusetzen – das macht uns unzufrieden und lässt uns nach Lösungen suchen.

Die Lücke zwischen Ideal und Wirklichkeit
Wir messen die Situation, wie sie im Hier und Jetzt ist, an einem imaginären Maßstab. Solange eine Diskrepanz besteht, fühlen wir uns unwohl und suchen nach Wegen, die ideale Situation zu schaffen. Wenn es uns dann doch einmal gelingt, unser Ideal zu erreichen, verschafft das ein kurzes Glücksgefühl, das jedoch schon bald dem nächsten Ideal und der Suche nach weiterer Optimierung weicht. Dieser ewige Optimierungskreislauf hält uns in ständiger Unzufriedenheit gefangen. Genau das erkannte Bodhidharma schon im sechsten Jahrhundert.
Resignation als Lösung?
In einer Zeit, in der Vorstellungen davon, wie unser Leben eigentlich sein sollte, und das Streben nach ständiger Selbstoptimierung unseren Alltag dominieren, geraten wir schnell in eine Falle: Wenn wir nicht suchen, glauben wir, uns passiv mit einer Situation abfinden zu müssen, die wir als unzureichend beurteilen.
Abgesehen davon, dass die meisten von uns diese Passivität kaum aushalten: Selbst wenn wir uns für Gelassenheit und inneren Frieden entscheiden, werden diese sofort zum nächsten Optimierungsideal – das erneut eine Suche auslöst.
Der erste Zen-Patriarch, der der Legende nach den Buddhismus nach China brachte, bezeichnete genau dies als die Quelle des Leidens. Er zeigte einen alternativen Weg auf: die Praxis des Fließens mit den Umständen (Suiyuan) und des Nicht-Suchens (Wuqiu).
Den unvollkommenen Moment annehmen
Zunächst ist es wichtig, sich bewusst zu machen, was es bedeutet, im Hier und Jetzt zu sein. Das Hier und Jetzt ist kein Zustand, in dem Unruhe, Unzufriedenheit und Probleme auf magische Weise verschwinden. Ärger, unruhige Gedanken und schmerzhafte Gefühle sind Teil dieses Augenblicks, ebenso wie unsere Idealvorstellungen und unsere Suche nach Wegen, diese zu erreichen. All das ist jetzt da. Wir sollten nicht versuchen, davonzulaufen.
Die zentrale Übung des Zen – die Sitzmeditation (Zazen) – dient dazu, unseren urteilenden und suchenden Geist zur Ruhe zu bringen und offen zu sein für alles, was sich im Hier und Jetzt zeigt. Bodhidharma bezeichnete diese Offenheit als Wuqiu (Nicht-Suchen). Die Praxis hilft uns, nicht sofort nach Lösungen zu suchen, sondern einfach wahrzunehmen, was der Augenblick von uns verlangt.
Was verlangt der Moment von dir?
Im Zazen sind unsere Probleme, Sorgen, Ängste, Ziele und Idealvorstellungen keine Störungen, sondern wichtige Hinweise darauf, was unsere nächsten Schritte sind – Schritte, die oft ganz natürlich aus der Situation heraus entstehen. Bodhidharma bezeichnete dies als Suiyuan (Fließen mit den Umständen).
Jedoch neigen wir dazu, die Frage komplizierter zu machen, als sie ist. Die Antwort erfordert weder intellektuelle Berechnung noch spirituelle Erleuchtung. Was die Situation verlangt, kann etwas ganz Alltägliches sein – das Aufräumen der Küche oder ein Anruf bei einem Freund –, genauso gut aber die Ausarbeitung eines komplexen Projektplans bei der Arbeit.
Jetzt, da dieser Artikel fertig ist, ist es ein guter Zeitpunkt für einen ausgiebigen Spaziergang.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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