Von Yvonne Visser
Unser Selbstbild erscheint uns oft als etwas Persönliches und Einzigartiges: ein innerer Kern, der losgelöst von der Welt um uns herum existiert. Doch psychologische und soziologische Untersuchungen zeigen, dass dieses Bild weniger autonom ist, als wir denken. In Wirklichkeit wird unsere Identität stark von den Menschen um uns herum geprägt. Unsere Familie, Freunde, Kollegen und Bekannten fungieren als Spiegel, in denen wir lernen, uns selbst zu sehen und zu verstehen.

Die buddhistische Sicht
Auch im Buddhismus wird die Vorstellung eines festen, unveränderlichen „Selbst“ infrage gestellt. Nach buddhistischer Auffassung ist das, was wir als „Ich“ erleben, kein stabiler Kern, sondern ein sich ständig verändernder Prozess aus Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen und Reaktionen. Dies wird oft mit dem Konzept des „Nicht-Selbst“ (Anatta) bezeichnet. Aus dieser Perspektive besitzen wir keine feste Identität; sie entsteht vielmehr immer wieder neu – abhängig von den Umständen und unseren Beziehungen zu anderen.
Von Geburt an sind wir auf andere angewiesen, um unseren Erfahrungen Bedeutung zu verleihen. Ein Kind lernt nicht nur, was Wörter bedeuten, sondern auch, was ein Verhalten als „richtig“ oder „falsch“ kennzeichnet – durch die Reaktionen von Eltern und Bezugspersonen. Wird ein Kind für seine Hilfsbereitschaft gelobt, wird es diese Eigenschaft eher als Teil seiner selbst betrachten. Wird es hingegen oft kritisiert, kann es sich selbst als schwierig oder ungehorsam empfinden. So entstehen „Konditionierungen“: Muster, die durch wiederholte Interaktionen entstehen und unser späteres Denken und Handeln beeinflussen.
Aber auch das Selbstbild von Erwachsenen bleibt ständig in Bewegung und wird durch soziale Kontexte beeinflusst. Wir verhalten uns nicht in jeder Situation gleich, und das ist kein Zeichen von mangelnder Authentizität, sondern gerade von Anpassung an sich verändernde Umstände. In der buddhistischen Psychologie wird dies als natürliche Folge der gegenseitigen Abhängigkeit gesehen: Alles, was wir tun und erleben, entsteht in Beziehung zu etwas anderem. Unsere Identität ist also kein fester Kern, sondern ein dynamisches Ganzes, das immer wieder neu Gestalt annimmt.
Rollen
Wir nehmen verschiedene Rollen ein, je nachdem, in welcher Beziehung wir uns befinden. Diese Rollen bringen Erwartungen mit sich, und indem wir ihnen entsprechen, bestätigen und formen wir unser Selbstbild. Es gibt kein einziges festes „Ich“, das losgelöst von diesen Rollen existiert. Stattdessen ist unsere Identität ein dynamisches Ganzes aus Verhaltensweisen, Eigenschaften und Überzeugungen, die in verschiedenen sozialen Situationen zum Ausdruck kommen. Die Vorstellung eines festen Selbst kann sogar zu Anspannung und Leiden führen. Wenn wir glauben, immer gleich sein zu müssen – zum Beispiel immer stark, immer erfolgreich oder immer freundlich – und uns das dann nicht gelingt, führt das oft zu Frustration.
Selbstreflexion
Das bedeutet jedoch nicht, dass wir vollständig von anderen bestimmt werden. Es gibt immer Raum für Bewusstsein und eigene Entscheidungen. Durch Meditation entwickelst du die wichtige Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Reaktionen wahrzunehmen, ohne sofort von ihnen mitgerissen zu werden. Durch diese aufmerksame Haltung können wir unsere Konditionierungen klarer durchschauen und freier mit ihnen umgehen. Wir werden uns stärker bewusst, wie sehr wir von unserer Umgebung geprägt werden und wie abhängig wir von ihr sind. Wir erleben uns selbst zunehmend als einen flexiblen und wandelbaren Prozess, ohne festen Kern oder feste Essenz.
Indem wir uns dessen bewusst werden, entsteht Raum, um weniger krampfhaft an dem festzuhalten, wer wir zu sein glauben. Stattdessen können wir lernen, uns als ein dynamisches Ganzes in ständiger Beziehung zu anderen zu sehen – und genau darin liegt die Möglichkeit für Wachstum, Freiheit und Resilienz.
Dieser Artikel ist ein Impuls. Der wöchentliche Zenletter bietet dir regelmäßige Inspiration und praktische Einsichten für deinen Weg.
Inspiration für deinen Alltag
Möchtest du regelmäßig Zen-Impulse erhalten? Dann melde dich jetzt für unseren kostenlosen Zenletter an:
Wohnst du in Berlin? Die kostenlose Probestunde ist der ideale Einstieg in unseren Zen-Einführungskurs. Erfahre hier mehr
Mehr lesen:

Yvonne Visser
Yvonne Visser verbindet ihre 25-jährige Erfahrung als Psychiaterin mit der Praxis des Zen. Sie ist Zenlehrerin und Zencoach bei Zen.nl und wurde 2021 von Zen-Meister Rients Ritskes zur Zen-Meisterin ernannt.
Hast du Fragen zum Artikel, möchtest du etwas kommentieren oder einfach mehr über Zen erfahren? Schreib der Redaktion eine E-Mail 📧– wir freuen uns auf deine Nachricht und antworten dir gerne.😊
