Von Leonne Boogaarts
Seit einigen Wochen schreibe ich über das Leben von Siddhartha Gautama, besser bekannt als Buddha. Für mich als Zen-Buddhistin ist er kein erhabener Heiliger, sondern ein weiser Mensch aus Fleisch und Blut, der sich als junger Mann – erschüttert vom menschlichen Leiden – auf die Suche nach einer Lösung machte.

Und diese Suche begann mit jahrelanger Askese – ein Irrweg, der ihn nur abstumpfte und zu keiner Lösung führte. Schließlich erlangte er die befreiende Einsicht unter dem berühmten Bodhibaum: Unser Leiden entsteht nicht durch die Wirklichkeit selbst, sondern durch unseren ständigen Widerstand gegen die Vergänglichkeit des Lebens.
Die Rückkehr aus dem Wald
Nachdem er die Einsicht in die Natur des menschlichen Leidens erlangt hatte, überlegte er, in der Abgeschiedenheit des Waldes zu bleiben. Sein eigenes Leiden war schließlich überwunden. Warum sollte er in die Gesellschaft zurückkehren? Die Chance, dass andere seine tiefe Einsicht in die Realität verstehen würden, schätzte er als verschwindend gering ein.
Die Menschen steckten fest in ihren Mustern, Anhaftungen und Begierden. Seine Erkenntnisse zu lehren, würde nur zu Erschöpfung und Frustration führen. Andererseits musste er einräumen, dass er während seiner Suche Menschen begegnet war, die selbst schon nahe an der Wahrheit waren und nur einen kleinen Anstoß brauchten, um eine ähnliche Einsicht zu erlangen.
Anstatt die Menschen als homogene Masse zu sehen, die sich ausnahmslos in einem ausweglosen Zustand befindet, sah er Möglichkeiten, seine Einsichten dennoch zu teilen. Er verglich die Menschen mit Lotusblumen in einem tiefen Teich: Manche stecken tief im Schlamm fest; andere wachsen dem Wasserspiegel entgegen, und es gibt sogar eine Gruppe, die kurz davorsteht, über die Wasseroberfläche hinauszuragen.
30 Jahre vom Schlamm zur Wasseroberfläche
In den klassischen Texten heißt es, dass Buddhas innerer Zweifel etwa sieben Wochen dauerte. Ich selbst habe dafür gut dreißig Jahre gebraucht. Wichtige Erkenntnisse – etwa wie viel Energie mir die Zen-Meditation gibt oder die Einsicht in die unendliche Verbundenheit allen Lebens während eines Dankbarkeits-Retreats – behielt ich für mich. Obwohl sie mein Leben sehr bereicherten, hielt ich es nicht für nötig, diese Erfahrungen zu teilen. Bis ich irgendwann eine tiefe Einsicht in die Bedeutung des Herzsutra erlangte.
Am anderen Ufer angekommen
In meiner Zen-Tradition wird das Herzsutra oft rezitiert, sowohl auf Japanisch als auch auf Deutsch. Ein unverständlicher Text, von dem ich dachte, dass nur hochbegabte und supermotivierte Mönche, die jahrelang in einem abgeschiedenen Kloster meditieren, eine Chance hätten, ihn zu durchdringen und, wie das Sutra schreibt, am anderen Ufer anzukommen. Für mich als Laienübende mitten in einer vollen und lauten Stadt, mit einer großen Anfälligkeit für Stress, schien dieser Text für immer ein undurchdringlicher Brei aus Worten zu bleiben, den ich pflichtgemäß mitrezitierte.
Nachdem sich mir die Bedeutung des anderen Ufers erschlossen hatte, fühlte ich mich wie eine Lotusblume, die tief im Schlamm feststeckte und dennoch den Weg an die Oberfläche fand. Lange dachte ich, dass ich bei all dem Stress und den vielen Problemen zwar Erleichterung, unmöglich jedoch Erleuchtung finden könnte. Doch gerade im Zen-Buddhismus gilt: Es braucht genau diesen tiefen, dichten Schlamm, damit eine wunderschöne Lotusblume überhaupt erst wachsen und erblühen kann. Durch meine Einsicht in das Sutra wurde mir sofort klar: Wenn ich diese Erfahrung machen kann, dann kann das jeder.
In diesem Moment fasste ich den Entschluss, diese Erfahrung auch für andere Menschen zugänglich zu machen und ihnen das Meditieren beizubringen: Ich begann eine Ausbildung zur Zen-Lehrerin und beschloss, eine Zen-Schule in Berlin zu gründen.
Buddha fasste den Entschluss, in die Gesellschaft zurückzukehren und seine Einsichten zu teilen. Damit gründete er eine Weltreligion, die Menschen auf der ganzen Welt bis heute inspiriert.
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Mehr aus der Serie über das Leben des Buddha:

Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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