Der Ballast des Erfolgs

Als 18-jähriger Waisenjunge aus den Slums von Kalkutta arbeitete sich Rajat Gupta an die Spitze der US-Wirtschaft hoch und wurde mit 45 Jahren der erste nicht-amerikanische Chef der renommierten Unternehmensberatung McKinsey. Was als klassischer amerikanischer Traum beginnt, nimmt bei ihm jedoch eine dramatische Wendung.

Ein Floß durch den Wald ziehen, weil es im Wasser so praktisch war. Der Mensch neigt dazu.

Als die Finanzkrise 2008 die Welt erschütterte, besaß er ein geschätztes Vermögen von 100 Millionen Dollar. Während einer Krisensitzung erfuhr Gupta als Mitglied des Verwaltungsrats von Goldman Sachs von einer milliardenschweren Rettungsinvestition durch Warren Buffett. Gupta griff Sekunden nach Sitzungsende zum Hörer, um einem befreundeten Hedgefonds-Manager kurz vor Börsenschluss zu einem massiven Aktienkauf zu raten, der dem Fonds am nächsten Morgen einen gigantischen Kursgewinn bescherte. Drei Jahre später wurde der gefeierte Topmanager als Insiderhändler entlarvt und wanderte für zwei Jahre ins Gefängnis.

Obwohl er einer der vermögendsten Männer der Welt war, konnte er sein erfolgshungriges und risikobereites Verhalten, mit dem er sich als junger Mann einst gegen Konkurrenten mit weitaus besseren Startbedingungen behaupten musste, nicht ablegen. Als er seine Chance witterte, schlug er bedingungslos zu. An diesem Abend jedoch wandelten sich genau diese einst so nützlichen Erfolgsreflexe in ein Werkzeug der Selbstzerstörung.

Festhalten an Erfolgen

Zu Beginn meines Jurastudiums bereitete ich jede Vorlesung akribisch vor. Ich las den Stoff vorab, bereitete meine Notizen nach und las alles noch einmal durch. Das brachte mir gute Noten. Als sich die Stoffmenge in den späteren Jahren verdoppelte, führte diese Methode jedoch zu Zeitnot, Stress und schlechten Noten. Was im Nachhinein offensichtlich wirkt, dauerte damals seine Zeit: Das Festhalten an einer einst erfolgreichen Methode führte in der neuen Situation genau zum Scheitern.

Ein Freund, der Betriebsschulungen leitet, erzählte mir einmal, dass er vor Beginn einer Schulung mit einem Mitarbeiter sprach, der ausgesprochen schlagfertig und witzig war. Als der Rest des Teams den Raum betrat, rollten die Kollegen bei jedem Witz sichtbar mit den Augen. Der Humor, der diesem Mann einst Sympathie und Aufmerksamkeit eingebracht hatte, war zu einem automatisierten Kunststück verkommen, das seine Kollegen so sehr irritierte, dass sie begannen, ihn zu meiden.

Hinter diesen unterschiedlichen Situationen verbirgt sich derselbe menschliche Mechanismus: Anstatt unser Handeln unvoreingenommen und mit klarem Blick auf sich ständig verändernde Umstände abzustimmen, halten wir an Methoden fest, weil sie irgendwann mal funktionierten.

Der Erfolg mit dem Floß

Buddha veranschaulicht diese Neigung mit dem Gleichnis von einem Floß, das wir mit viel Mühe durch den Wald schleppen, weil es einmal beim Überqueren eines reißenden Flusses nützlich war.

Auch seine Lehre (Dharma), so warnte Buddha seine Anhänger, ist ein zweckmäßiges Mittel, um Leid zu überwinden und Erleuchtung zu erlangen, aber keine absolute Wahrheit, die man besitzen oder als Identität mit sich herumtragen sollte. Seine Philosophie hat damit einen radikal selbstaufhebenden Charakter: Wer das andere Ufer erreicht, befreit sich auch von dem Gefährt, mit dem er den Fluss überquert hat.

Handeln im Hier und Jetzt

Buddhas Floß-Metapher sehe ich als eine Einladung, der Welt stets unvoreingenommen und offen zu begegnen – ohne an Verhalten festzuhalten, das in der Vergangenheit vielleicht funktionierte, in anderen Situationen aber zu ganz anderen Ergebnissen führt. Zu tun, was in diesem Moment nötig ist, bedeutet nicht zuletzt: nicht mit einem Floß durch den Wald zu laufen.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

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