Zazen statt Optimierung

Der berühmte Zen-Meister Dogen (1200–1253) fragte sich: Wenn wir laut der buddhistischen Lehre bereits erleuchtet sind, wozu müssen wir dann noch meditieren?

Nach langer Suche erkannte er, dass es ein Irrtum ist, Meditation als Mittel zum Zweck zu betrachten. Wir sitzen nicht, um die Erleuchtung zu erreichen. Vielmehr manifestiert sich die Erleuchtung unmittelbar im Sitzen selbst. Dogen nannte diese untrennbare Einheit Shusho-itto (Praxis und Erleuchtung sind eins). Die Grundhaltung dafür ist ein Geist völlig ohne Gewinnabsicht, ein Zustand, den er Mushotoku nannte.

Illustration von Zen-Meister Dogen bei der Zazen-Meditation mit einer Räucherschale. Ein Symbol für das Meditieren ohne Ziel im Kontrast zum ständigen Stress durch Selbstoptimierung.
Zen-Meister Dogen: „Das Zazen, von dem ich spreche, ist keine Meditationsübung – es ist die vollendete Praxis der Erleuchtung.“

Dieses ziellose Sitzen ist für uns jedoch extrem schwer zu greifen. Unser Gehirn denkt ununterbrochen in kausalen Zusammenhängen: Wir tun A, um B zu erreichen. Als evolutionäres Überlebensinstrument ist es darauf programmiert, ständig Bedrohung und Mangel zu vermeiden. Es treibt uns unaufhörlich zum Handeln an, um einen sichereren oder besseren Zustand herbeizuführen. Mushotoku – das Sitzen, ohne etwas erreichen zu wollen – widerspricht unserer tiefsten Natur.

Die Endlosschleife der Optimierung

Obwohl wir unser Überleben und unseren Wohlstand diesem hoch entwickelten Gehirn zu verdanken haben und heute von einer ständigen Nahrungsmittelversorgung, beheizten Häusern und effizienten Transportmitteln profitieren, zahlen wir dafür einen Preis: eine ständige unterschwellige Unzufriedenheit und einen Geist, der uns unermüdlich zur Optimierung dieses scheinbar mangelhaften Moments antreibt.

Oft beginnen wir die Meditation voller Optimierungswünsche: Stress abbauen, mehr Einsicht gewinnen oder konzentrierter werden. Doch genau dieses Denken in Idealen – mit dem Ziel, diese unzulängliche Wirklichkeit irgendwie zu reparieren – hält unsere Unruhe aufrecht.

In dem Moment, in dem wir beschließen, „etwas gegen den Stress zu tun“, richten wir unsere Aufmerksamkeit darauf. Wir ergreifen Maßnahmen und überwachen unseren Fortschritt. Die Folge ist, dass der Stress einen prominenten Platz einnimmt. Indem wir ihn lösen wollen, halten wir ihn aufrecht. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus?

Ein Trick für das Überlebensgehirn

Während des Zazen (Sitzmeditation) geben wir unserem zielgerichteten Gehirn eine einfache Aufgabe: das Zählen der Ausatemzüge. Nicht um Erleuchtung zu erlangen, sondern als Trick, um das steuernde Überlebensgehirn zu beschäftigen. Wir nehmen wahr, wie der Geist gegen das Stillsitzen protestiert und uns ständig auffordert, zu handeln, etwas zu erreichen.

Wenn dieses analytische Rauschen für einen Moment verstummt, blicken wir hinter den Filter des ergebnisorientierten Gehirns. Für einen Augenblick erfahren wir die Welt in ihrer So-heit (Shinnyo): Es gibt nichts zu tun, nichts zu lösen, nichts zu bekämpfen. Und das bringt Ruhe.

Unser Gehirn wäre jedoch nicht unser Gehirn, wenn es nicht auch diese Erfahrung sofort instrumentalisieren würde. Es holt uns zurück in die Welt der Anforderungen und Ideale und weckt das Verlangen nach mehr solchen beruhigenden Erfahrungen. Die Kunst besteht darin, einfach sitzen zu bleiben und auch dieses neue Verlangen als ein Produkt des Geistes wahrzunehmen. Das ist die Übung, in der sich unsere Erleuchtung manifestiert.

Sitzen ohne Gewinnabsicht

Zazen ist die Einladung, dem Leben schlicht Raum zu geben – alle vermeintlichen Mängel und Optimierungspläne vorbeiziehen zu lassen, ohne darin einzugreifen. Das ist die Essenz von Mushotoku. Und manchmal entsteht genau in diesem Raum eine Idee, die es wahrlich wert ist, umgesetzt zu werden. Wie etwa die Anmeldung zu einem Zen-Kurs.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

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