Von Leonne Boogaarts
Auf seiner Suche nach einer Lösung für das menschliche Leiden lebte Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, sechs Jahre lang in extremer Askese. Erschöpft und enttäuscht beendete er sein Fasten und nahm eine Schale Reisbrei an, die ihm ein Mädchen aus dem Dorf anbot. Nachdem er wieder etwas zu Kräften gekommen war, fasste er den festen Entschluss, sich unter einen Feigenbaum in der Nähe zu setzen und nicht aufzustehen, bevor er die Lösung für das Leiden gefunden hatte.

Ich erinnere mich, wie erschöpft ich war, als ich vor dreißig Jahren zum ersten Mal ein Zen-Zentrum betrat. Nach Monaten voller Stress, schlafloser Nächte und endlosem Grübeln las ich einen Artikel über Zen und meldete mich sofort für den nächsten Einführungskurs bei einer Zenschule in meiner Stadt an. Heute kommen Menschen in meine Einführungskurse, die denselben Drang verspüren: Sie suchen einen Ausweg aus ihrer Unruhe, ihrem Stress oder ihrer Unzufriedenheit. Genau wie ich damals setzen sie sich hin, mit dem Ziel, dieses Leiden loszuwerden.
Mara auf Teufel komm raus
Während Siddhartha unter dem Baum saß, erschien der Gott Mara, der manchmal mit dem christlichen Teufel verglichen wird. Als Verkörperung der Versuchung setzte Mara alles daran, Siddhartha zum Aufstehen zu bewegen. Er versuchte, mit seinen Töchtern Siddharthas Begierde zu wecken, flößte ihm mit Stürmen und glühenden Kohlen Angst ein und säte Zweifel an seiner Legitimität: Mit welchem Recht saß er dort und trotzte allem?
Auch ich bekomme oft Besuch von Mara. Es ist die Stimme, die mir am frühen Morgen in meinem kalten Schlafzimmer zuflüstert, ich könnte doch auch liegen bleiben, statt in der Kälte zu meditieren. Er verführt mich während einer langen Sitzmeditation dazu, aufzugeben, wenn die Beine gegen die unbequeme Zazen-Haltung protestieren. Mara flüstert mir manchmal zu, dass Stillsitzen jetzt keinen Sinn hat, wenn noch so viele Probleme gelöst werden müssen.
Er ist der Hüter des Status quo und lockt stets mit dem Versprechen, dass es mir besser gehen wird, wenn ich dem Unbehagen des Augenblicks aus dem Weg gehe und wieder meinem Verlangen nach einem leichteren Leben nachgebe.
Lass Mara toben
Dank seines festen Entschlusses ließ sich Siddhartha gar nicht erst auf ein Gespräch ein. Er diskutierte nicht mit Mara und versuchte auch nicht, ihn zu ignorieren oder zu vertreiben. Er nahm ihn wahr, blieb einfach sitzen und ließ Mara toben.
Genau diese Haltung üben wir beim Zazen. Ohne Analyse oder Bewertung beobachten wir Maras Toben: Während wir auf dem unbequemen Kissen sitzen, uns ungeduldig nach dem Ende der Meditationszeit sehnen, störende Gedanken aufkommen oder der Zweifel zuschlägt, ob es überhaupt funktioniert. Im Meditationsraum warten wir, bis die Glocke das Ende der Sitzung ankündigt, und versperren uns damit jeden Fluchtweg.
Siddhartha erwacht
Siddhartha erkannte, dass nicht die aktuellen Umstände das Leiden verursachen, sondern unser Glaube an Maras ständiges Versprechen, dass es uns irgendwann mal besser gehen wird. Die feste Überzeugung, dass diesem Moment etwas fehlt und das Leben erst mit einem anderen Job, mehr Ruhe oder einer besseren Beziehung gut wird – genau das ist es, was das Leiden aufrechterhält.
Der Feigenbaum, unter dem er zu dieser Einsicht kam, wird seitdem Bodhi-Baum genannt. Bodhi bedeutet auf Sanskrit „Erwachen“. Siddhartha erwachte genau in dem Moment, als er sich weigerte, vor dem Unbehagen des Augenblicks zu fliehen. Er war nicht länger ein Suchender, sondern wurde zum Buddha – wörtlich: der Erwachte.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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