Zazen – Training der Innovationskraft

Zwanzig Spaghetti und ein Marshmallow

Bei der Marshmallow-Challenge haben Viererteams 18 Minuten Zeit, um mit folgenden Materialien eine möglichst hohe, freistehende Konstruktion zu bauen: 20 ungekochte Spaghetti, einen Meter Klebeband, einen Meter Seil und einen Marshmallow, der am höchsten Punkt balancieren muss.

Diese Challenge hat in vielen Design- und Innovationsworkshops einen festen Platz eingenommen und wurde bereits Hunderttausende Male durchgeführt. Die Ergebnisse überraschen immer wieder: Während BWL-Studierende im Durchschnitt am schlechtesten abschneiden, gehören Kindergartengruppen oft zu den Gewinnerteams.

Eine Illustration, die vier Kinder am Tisch zeigt, die einen Spaghetti-Turm bauen. Sie benutzen ungekochte Spaghetti, Faden und Klebeband. Ein Kind balanciert einen Marshmallow an der Spitze des Gebildes. Dies illustriert die Marshmallow-Challenge.
Kindergartenkinder lassen bei der Marshmallow-Challenge BWL-Studierende alt aussehen und haben auch noch Spaß dabei.

Die Schwäche der BWL-Studierenden ist, dass sie zunächst darüber beraten, wie sie am besten vorgehen sollen. Zudem verlieren sie wertvolle Zeit mit internen Machtspielen um die Führungsrolle. Wenn sie endlich zur Umsetzung kommen, stellt sich heraus, dass die erdachte Konstruktion nicht funktioniert und zusammenbricht. Die Kindergartenkinder hingegen machen sich sofort an die Arbeit, führen Experimente durch, prüfen, was funktioniert und was nicht, und präsentieren kurz vor Ablauf der Zeit fast immer eine funktionierende Konstruktion.

Aufhören, nach Lösungen zu suchen

Jeder hatte schon einmal mit einem Problem zu tun, für das man durch langes und intensives Nachdenken einfach keine Lösung findet. Das Beste, was man dann tun kann, ist, aufzuhören zu suchen, um endloses Grübeln, Frustration, unnötigen Stress oder sogar ein Burn-out zu vermeiden. Diejenigen, die in der Lage sind, das Problem loszulassen, kennen das Phänomen, dass einem kurz danach eine Lösung einfällt.

Das passierte mir, als ich nach einer Möglichkeit suchte, die Flächenvorhänge, die meinen Kursraum in einen Eingangs- und Meditationsbereich unterteilen, vorübergehend zu entfernen. Für eine größere Veranstaltung erwartete ich mehr Gäste und musste die Unterteilung aufheben.

Mein Dilemma: Ich brauchte den Platz, wollte aber vermeiden, dass man von draußen direkt in den Meditationsraum schauen konnte. Da ich direkt nach der Veranstaltung wegmusste, fehlte mir die Zeit für ein aufwendiges Wiederanbringen. Die Vorhänge einfach komplett abzunehmen bedeutete also, dass der Raum bis zum nächsten Tag von außen frei einsehbar bliebe. Ich überlegte mir alle möglichen Lösungen: die Vorhänge mit Haken an der Decke zu befestigen, sie festzukleben oder mit Wäscheklammern festzuklemmen.

Irgendwann gab ich auf: Ich würde die Vorhänge einfach abbauen, am nächsten Tag wieder anbringen und die freie Sicht von außen bis dahin hinnehmen. Als ich sie mir danach noch einmal ansah, fiel mein Blick auf einen Spalt in den Paneelwagen, mit denen sie befestigt sind, und sofort war mir klar: Vorhänge aufrollen, eine Schnur durch diesen Spalt schieben und um die Rolle knoten – nach der Veranstaltung müsste ich sie einfach nur durchschneiden. Ein Kinderspiel.

Der Holzschnitzer Khing fastete

Die BWL-Studierenden aus der Marshmallow-Challenge erkannten nicht rechtzeitig, dass ihr Streben nach Status ihrem Erfolg im Wege stand. Der Holzschnitzer Khing aus dem alten China war ihnen darin voraus. Als er vom Fürsten den Auftrag erhielt, einen Glockenhalter für eine wichtige Zeremonie anzufertigen, fastete er zunächst eine Woche lang, um sich von seinem Streben nach Belohnung, Bewunderung und Status zu befreien. Danach ging er in den Wald, um den Baum zu finden, der den Glockenhalter sozusagen bereits in sich trug. Er musste dann nur noch das überflüssige Holz wegschneiden, und fertig war das Kunstwerk, das vom Fürsten und den Menschen im ganzen Land bewundert wurde.

Weniger denken, mehr erreichen

Aus diesen drei Fallbeispielen ergibt sich ein Bild: Je weniger man versucht, die Realität im Voraus in ein erdachtes Konzept zu zwängen, desto schneller sieht man eine Lösung. Die Kindergartenkinder gewinnen die Marshmallow-Challenge, weil sie sofort loslegen und sich nicht mit Konzepten wie Erfolg oder Status beschäftigen. Der Holzschnitzer Khing fastete eine Woche lang, um sich nicht mehr von solchen Konzepten leiten zu lassen. Ich musste aus Frustration meinen ursprünglichen Plan, den Einblick zu beschränken, aufgeben, bevor mir eine Lösung einfiel.

Zazen – die Befreiung des Geistes

Da wir nicht mehr in unsere Kindheit zurückkehren können und auch eine Woche Fasten oft keine Option ist, ist Zazen vielleicht die effizienteste Lösung, den Geist zu trainieren, um hinderliche Konzepte schnell zu durchschauen und loszulassen. Wir trainieren unseren Anfängergeist, ohne dabei auf die erwachsenen Fähigkeiten zu verzichten, die wir benötigen, um Probleme zu lösen oder – genau wie Khing – herausragende Qualität zu liefern. Anstatt uns in starrem Denken zu verstricken, nutzen wir unseren Zengeist, um die Lösung zu erkennen, die jedes Problem bereits in sich trägt.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

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