Von Leonne Boogaarts
Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, verließ den Palast seines Vaters, um Antworten auf seine Fragen zum Leiden der Menschen zu suchen.
Sein ursprünglicher Ansatz war es, den Geist vom Körper zu befreien. Er glaubte, das Leiden hinter sich zu lassen, indem er alle körperlichen Bedürfnisse überwand. Er unterzog sich extremer Askese durch Fasten und Selbstkasteiung. Nachdem er dies sechs Jahre lang durchgehalten hatte, stellte er erschöpft und enttäuscht fest, dass diese Übung ihm keinen Einblick in das menschliche Leiden verschafft hatte, sondern die Askese lediglich seinen Geist abstumpfte.

Ihm wurde klar, dass ein klarer Geist eine gesunde körperliche Grundlage erfordert. Deshalb nahm er dankend die Schale Reisbrei an, die ihm das Dorfmädchen Sujata anbot, und beendete damit seine Askese. Er erkannte, dass weder das luxuriöse Leben im Palast noch die extreme Askese der vergangenen Jahre ihm Einsicht in das Leiden verschafft hatten, und formulierte seine Lehre vom Mittelweg.
Was ist der Mittelweg?
Die frühen Buddhisten übersetzten den Mittelweg in ein System von Lebensregeln, beispielsweise, was man essen darf oder wie man sich verhalten soll. Diese halten die menschliche Neigung zu Bequemlichkeit und Maßlosigkeit im Zaum, sorgen aber dennoch dafür, dass die Anhänger des Buddha nicht in ungesunde Askese verfallen.
In China traf Buddhas Lehre auf den Taoismus, eine undogmatische, naturverbundene und radikal freie Strömung ohne zentrale Regeln. Die strenge, regelbasierte Tradition des Buddhismus und die taoistische Lehre von der Spontaneität und dem Nicht-Handeln (Wu-Wei) ergänzten sich perfekt und verschmolzen zum Zen-Buddhismus. Der Mittelweg verwandelte sich in einen Weg, der Regeln gezielt einsetzt, um der Konditionierung des Egos entgegenzuwirken und Raum für geistige Spontaneität zu schaffen.
Was ist Konditionierung?
Ohne eine feste Struktur verfällt unser Handeln schnell in automatische Muster: das Reagieren auf den Unterstrom unverarbeiteter Erfahrungen und Sehnsüchte. Bei Zen-Meditation Berlin bezeichnen wir all die ablenkenden Gedanken und Emotionen, die daraus entstehen, als Bubbles. Während des Zazen erhalten diese Bubbles Raum, um aufzusprudeln. Durch die spezielle Technik des Atemzählens (Susokukan) vermeidest du, sie zu analysieren oder darüber zu grübeln. Gerade durch dieses nicht wertende Beobachten verlieren die Bubbles die Macht über dein Denken und Handeln, wodurch deine Konditionierung nachlässt und Raum für Spontaneität entsteht.
Die elterliche Konditionierung
Mein Zen-Lehrer Rients Ritskes stellt seinen Schülern immer die Frage: „Was ist die wichtigste Botschaft, die dir deine Eltern in deiner Erziehung mitgegeben haben?“ Diese Frage betrifft deine tiefsten Konditionierungen im Leben, die sich auf deine späteren Entscheidungen auswirken. Ich musste nicht lange über die Antwort nachdenken: Es war die Bedeutung finanzieller Sicherheit.
Nachdem ich einige Jahre lang gerne in einer Festanstellung gearbeitet hatte, machte sich allmählich ein ungutes Gefühl breit: Der Gedanke, dies bis zu meiner Rente zu tun, löste in mir Widerstand aus. Dennoch führte das Abwägen von Vor- und Nachteilen jedes Mal dazu, dass ich am Status quo festhielt. Erst als mein Zen-Lehrer mich nach meiner elterlichen Konditionierung fragte, erkannte ich, was vor sich ging: Was sich als nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse darstellte, entpuppte sich als Abwehrmechanismus gegen die Angst, Sicherheit zu verlieren. Das Erkennen dieses Musters schuf den Freiraum, sofort einen neuen Weg einzuschlagen, als sich die Gelegenheit bot.
Freiheit und Struktur
Was damals in China funktionierte, gilt auch heute: Selbstgewählte Rahmenbedingungen schützen dich davor, dass dein zur Bequemlichkeit neigendes Ego deine Entscheidungen lenkt.
Auch mein Rat an die Kursteilnehmer von Zen-Meditation Berlin, immer mit einem Timer zu meditieren, soll verhindern, dass dein Ego das Ende der Meditation festlegt. Gerade wenn sich tiefgreifende Einsichten Bahn brechen und Unruhe entsteht, neigt das Ego dazu, dir einzuflüstern, dass es jetzt mit der Meditation genug ist. Indem du dann sitzen bleibst, kannst du diese Unruhe beobachten und durchschauen. Mit der passenden Struktur entsteht Raum für freiere Entscheidungen – genauso wie ich meine einschränkende Neigung zu Kontrolle und Sicherheit überwinden und neue Schritte gehen konnte.
Als Menschen können wir nicht ohne Ego sein, und auch unsere Konditionierungen werden wir wohl nie ganz los – der Zen-Weg endet nie. Genau deshalb gibt mir meine Entscheidung, Zen-Lehrerin zu werden und zu unterrichten, die nötige Struktur und Verantwortung, um auf diesem Weg zu bleiben. Das verhindert, dass der Mittelweg zu einem Weg des Opportunismus verkommt, auf dem Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit einer wirklich spontanen Reaktion im Wege stehen.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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