Von Leonne Boogaarts
Ein zentrales Konzept des Zen-Buddhismus ist das „Im-Moment-Sein“. Es wird beschrieben als ein Zustand innerer Ruhe und Achtsamkeit, in dem du nicht über die Vergangenheit grübelst oder mit Sorge auf die Zukunft blickst und den du durch Meditation und Achtsamkeitsübungen erreichen kannst. Das klingt erst einmal erstrebenswert.

Auf der Suche nach dem Jetzt
Am frühen Morgen des ersten Tages einer intensiven Zen-Woche (Sesshin ↗), in der wir etwa achteinhalb Stunden pro Tag meditieren, stehe ich auf der Wiese hinter dem Hotel, in dem unser Retreat stattfindet. Ich erlebe, wie die Sonne wie ein orangefarbener Feuerball hinter den Bäumen auftaucht und den Tag erleuchtet.
Wunderschön, denke ich. Doch sofort wird mir bewusst: Um etwas als schön zu empfinden, brauche ich eine Vorstellung von „nicht schön“ – denn so funktioniert unser Denken. Man vergleicht das, was man gerade erlebt, mit seinen Erinnerungen, und dann wird bewertet: gut oder schlecht, schön oder unschön. Unser Gehirn macht das andauernd. Gerade ist nichts unschön, und ich frage mich: Bin ich überhaupt im Moment, wenn ich bewerte?
Ich nehme mir vor, mich auf die Suche nach dem Moment zu machen. Ich werde mich in dieser Woche darin üben, meine Umgebung nicht zu bewerten. Selbst in den Pausen, wenn ich durch den Wald spaziere oder die Schafe auf der Wiese beobachte, werde ich mich wie beim Zazen ↗ auf meine Atmung konzentrieren und meine Wahrnehmungen nicht gedanklich kommentieren. So hoffe ich, diesem mysteriösen Im-Moment-Sein auf der Spur zu kommen.
Das Scheitern im Herbstwald
Der bunte Herbstwald ist faszinierend, und das bestätigen mir auch immer wieder meine Gedanken. Nach ein paar Tagen gebe ich auf. Es ist mir schlicht unmöglich, gedankenlos durch die Natur zu spazieren. Nachdem ich das krampfhafte Nicht-Denken aufgegeben habe, erfahre ich meine Gedanken als ruhiger und irgendwie transparenter, als würde ich durch sie hindurchschauen. Meine Aufmerksamkeit wächst von selbst durch das viele Meditieren. Immer mehr Details zeigen sich in voller Schönheit. Ich genieße nur noch und meine Freude findet oft auch ein Echo in meinen Gedanken.
Die nackte Realität im Gewerbegebiet
Als das Retreat vorbei ist, laufe ich mit meinem Rollkoffer auf dem Weg zum Bahnhof durch ein Gewerbegebiet. Hier zeigt sich die niederländische Kleinstadt von einer deutlich weniger idyllischen Seite. Vor mir liegt eine große Molkerei. Lkw bringen Milch von den umliegenden Bauernhöfen, Maschinen dröhnen, Beton dominiert die Szenerie. Ich denke an die Bahnfahrt nach Berlin, die ich vor mir habe, und finde mich auf einmal im ganz normalen Alltag wieder.
Als ich die Straße überqueren will, höre ich das Grollen eines herannahenden Lastwagens. Ich blicke auf und sehe den riesigen Wagen auf mich zukommen. Angst steigt in mir auf – tote Winkel, abbiegende Lkw, mögliche Unfälle. Ich bin schlagartig in Alarmbereitschaft. Doch dann sehe ich den Fahrer. Er winkt mir freundlich zu. Alles in Ordnung, er hat mich gesehen. Meine Angst löst sich auf und weicht einem Gefühl der Freude. Ein fremder Mensch hat meine Verletzlichkeit wahrgenommen und mich mit einer einfachen Geste beruhigt.
Was Im-Moment-Sein wirklich bedeutet
Während ich dem Lastwagen nachsehe, wird mir klar, dass Im-Moment-Sein nicht bedeutet, mit einem leeren Kopf durch die Gegend zu spazieren. Dieser Vorfall hat mir jedoch gezeigt, dass es keine schönen Sonnenaufgänge oder faszinierenden Herbstwälder braucht, um sich an der Schönheit zu erfreuen. Dass man auch hier, inmitten eines Industriegebietes samt dröhnender Maschinen und riesiger Lkw, tiefes Glück erfahren kann – zum Beispiel in Form der Geste eines aufmerksamen Fahrers.
Zuversichtlich setze ich meinen Weg zum Bahnhof fort und freue mich schon auf zu Hause. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte: Die wahre Prüfung für meine frisch gewonnene Gelassenheit wartete nicht im Alltag zu Hause – sondern schon einige Minuten später am Bahnhof. Lies hier den Artikel: Glück im Bahnchaos
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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