Von Leonne Boogaarts
Im Zen dreht sich alles darum, „im Moment“ zu sein. Ein Begriff, um den sich viele Mythen ranken – ein vermeintlicher Zufluchtsort oder ein paradiesischer Zustand, in dem die Sorgen um die Zukunft und die Enttäuschungen aus der Vergangenheit auf magische Weise verschwinden. Dabei übersehen wir, dass die Gedanken an morgen und an die Vergangenheit sowie die Gefühle, die sie auslösen, ein integraler Bestandteil dieses Augenblicks sind. Und dass wir, die wir so gerne im Moment sein wollen, den Moment geradezu ablehnen.

Und damit fängt ein unmögliches Unterfangen an: Wir wollen etwas erreichen, das bereits da ist. Je mehr wir uns anstrengen, desto mehr scheint sich der Moment von uns zu entfernen. Wir lesen Bücher, wir melden uns für einen Zen-Kurs an oder buchen ein Retreat. Und jedes Mal, wenn dabei doch Gedanken an die Zukunft oder die Vergangenheit auftauchen, löst das Frustration und Unruhe aus. Du denkst, du machst etwas falsch. Vielleicht meditierst du noch intensiver, oder du gibst einfach enttäuscht auf: „Bei mir funktioniert das nicht.“ Gerade in diesem spirituellen Leistungsdruck zeigt sich jedoch die ganze Hartnäckigkeit des Egos.
Das Ego: Vom inneren Tyrannen zum nützlichen Berater
Dieses Ego ist im Kern ein wichtiger Überlebensmechanismus. Es funktioniert, indem es eine Kluft zwischen dem „Ich“ und der Umgebung schafft – zwischen dem Moment, wie er ist, und einem Zustand, den es sich stattdessen wünscht. Das nennen wir im Zen dualistisches Denken.
Infolgedessen verspüren wir Angst, wenn Gefahr droht, und versuchen, durch die übliche Flucht- oder Kampfreaktion einen sicheren Zustand wiederherzustellen. Wir sehnen uns nach Sicherheit, Geborgenheit oder Kontrolle, weil sie uns schützen und unser Überleben sichern. Dieser Mechanismus ist in einer relativ sicheren Zeit wie der unseren manchmal fehl am Platz und kann zu psychischen Beschwerden wie unbegründeten Ängsten, chronischer Unruhe und Unzufriedenheit führen.
Es gibt spirituelle Bewegungen, die das Ego überwinden oder sogar auslöschen wollen – doch damit verkennen sie völlig, wie fundamental wichtig seine Funktion für uns ist. Außerdem verkennen sie, dass das Ego mit seinen Ängsten und Vorlieben, seiner Abneigung und seinem Verlangen genauso zu diesem Moment gehört.
Bei Zen-Meditation Berlin streben wir danach, dieses Ego zu durchschauen. Denn ein unbewusstes Ego steuert uns im Verborgenen und zwingt uns in Verhaltensmuster, die wir selbst oft nicht verstehen. Erst wenn wir diesen Mechanismus durchschauen, entsteht der Raum, um anders zu handeln – und das Ego hört auf, uns im Verborgenen zu tyrannisieren. Es wird zu einem wichtigen Berater, der vor Risiken warnt und auf Chancen hinweist.
Zazen: Warum du vor dem Moment nicht weglaufen musst
Während unserer wichtigsten Übung, Zazen ↗, geben wir unserem Ego-Geist eine einfache Zählaufgabe, damit ohne analytische Einmischung Raum für die direkte Erfahrung dieses Augenblicks entsteht. Wir nehmen die Impulse des Egos wahr, können aber bis zum Ertönen der Glocke schlichtweg nichts damit anfangen. So lernen wir nicht nur, dass wir nicht jedem Ego-Impuls folgen müssen, sondern auch, dass in diesem Moment alles Mögliche geschieht und es eigentlich gar nichts gibt, wovor wir weglaufen müssten. Wir können das Projekt „Im-Moment-Sein“ getrost aufgeben, denn wir sind längst dort.
Diese Erkenntnis lässt sich nicht intellektuell erlangen und kann nur in der Zen-Praxis erfahren werden. In einem Artikel wie diesem kann ich nur auf das Paradoxon hinweisen, dass der Wille, im Moment zu sein, genau der Erkenntnis im Weg steht, dass wir es längst sind. Zen bietet eine über viele Jahrhunderte entwickelte Methode und Struktur, um uns die kognitive Unlösbarkeit dieses Paradoxons erfahren zu lassen – und unsere Suche nach dem Moment einzustellen, in der Erkenntnis, dass es nichts zu erobern gibt.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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