Sitzen ohne Schutzschild

Die Palastillusion

Für König Suddhodana stand fest, dass sein Sohn Siddhartha, der spätere Buddha, die Dynastie fortführen würde. Um ihn an das Königtum zu binden, schirmte er ihn hermetisch vor Verfall und Vergänglichkeit ab; der Palast wurde zu einer sorgsam aufrechterhaltenen Illusion ewiger Jugend und des Überflusses.

Zeichnung zweier Schulkinder: Ein Junge schreibt auf losen Zetteln, während eine Mitschülerin ein gebundenes Schulheft nutzt – symbolisch für frühe Prägungen und die Erwartungen der Eltern.
Die teuersten Stifte der Klasse und die Rückseite eines Notizblocks: Wie ich nach Jahrzehnten des Zazen meinem Vater wirklich begegnen konnte.

Auch mein eigener Vater hatte eine klare Vorstellung davon, was aus mir werden sollte: Ich sollte studieren – eine Chance, die ihm in seiner eigenen Jugend verwehrt geblieben war – und anschließend Karriere machen. Um mir diesen Weg zu ebnen, war er bereit, beträchtlich in meine Ausbildung zu investieren; es sollte mir an nichts fehlen.

Die Flucht ins Gegenteil

Keine väterliche Konstruktion vermag die Wirklichkeit dauerhaft auszusperren. Als Siddhartha – längst erwachsen – Alter, Krankheit und Tod ins Auge blickte, brach die Palastillusion mit unerbittlicher Wucht zusammen. Der Schock saß so tief, dass er mit seiner Herkunft brach und sich seinen dynastischen Pflichten verweigerte. Seine erste Reaktion war eine radikale Gegenbewegung: Er entschied sich für extreme Askese und Selbstkasteiung.

Mein eigener Bruch verlief nach demselben Muster des Widerstands: der Wahl des genauen Gegenteils. Mitten im Studium schloss ich mich der Hausbesetzerszene der Achtzigerjahre an, fernab von Bürgerlichkeit und materieller Sicherheit. Doch wer lediglich das Gegenteil von dem lebt, was die Eltern verlangen, bleibt im selben Karma gefangen: einer unbewussten Kette aus Aktion und Reaktion. Erst mit den Jahren reifte die Einsicht, dass diese reaktive Flucht nichts mit Befreiung zu tun hatte.

Das Ende des Kampfes

Siddhartha erkannte nach sechs Jahren der Entbehrung, dass das Quälen seines Körpers ihn nur abstumpfte. Auf dem Tiefpunkt seiner Erschöpfung erinnerte er sich plötzlich an einen Moment aus seiner Kindheit: wie er unbeschwert im kühlen Schatten eines Baumes saß, während sein Vater im Hintergrund arbeitete. Die Erinnerung an diese friedliche Szene zwischen Vater und Sohn brach seinen Widerstand. Er nahm eine Schale Reisbrei an, beendete den Kampf gegen seinen Körper und beschloss, sich unter den Bodhi-Baum zu setzen.

Genau wie Siddharthas Askese war auch meine Rebellion eine bloße Negation: ein ständiges Dagegensein, das nirgendwohin führte. Als klar wurde, dass diese Sackgasse mich auch persönlich keinen Schritt weiterbrachte, beendete ich den Protest. Ich stieg aus und wollte einfach nur ein normales Leben: eine eigene Wohnung, irgendeinen Job. Doch auch dieser ganz gewöhnliche Alltag brachte zunächst nur Stress, Schlaflosigkeit und ständige Reibung. Erst als ich mit Zazen begann und lernte, einfach nur zu sitzen, geschah das Entscheidende: Der Kampf verstummte ganz von selbst – und zum ersten Mal stellte sich so etwas wie echte Befreiung ein.

Dem Vater als Kind begegnen

Erst Jahre später kam mir unvermittelt ein fast vergessenes Gespräch wieder in den Sinn: Mein Vater erzählte mir, wie gern er als Junge weitergelernt hätte. Doch von seinem eigenen Vater bekam er nicht einmal Schulhefte; er musste die Rückseiten bereits beschriebener Notizblöcke verwenden. Schließlich gab er seine Pläne auf. „Ich werde aber dafür sorgen, dass du alles bekommst, um es im Leben zu schaffen“, versprach er mir damals feierlich. Und er hielt Wort: Ich hatte stets die schönsten Hefte und die teuersten Stifte der Klasse.

Auf dem Meditationskissen hatte sich das Bild des fordernden, statusbedachten Patriarchen aufgelöst. Plötzlich sah ich den gekränkten Jungen mit dem beschriebenen Notizblock inmitten seiner Mitschüler, die richtige Hefte hatten. Sein Drang nach Status und gesellschaftlichem Erfolg war der Versuch, sich und mich vor jener Demütigung zu schützen, die er selbst erfahren hatte.

Gesellschaftlicher Erfolg und radikale Rebellion erwiesen sich als zwei Seiten desselben Panzers: verzweifelte Versuche, die fundamentale Unsicherheit des Daseins fernzuhalten. Solange ich gegen meinen Vater ankämpfte, trug ich seinen Harnisch bloß mit der Innenseite nach außen. Die Befreiung lag nicht darin, eine bessere Verteidigung zu finden, sondern in dem Entschluss, auf dem Kissen jeden Schild fallen zu lassen – und damit den Kampf mit meinem Vater und mit der Wirklichkeit selbst endgültig zu beenden.


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  • Gesellschaftlicher Aufstieg und angehäufter Reichtum werden schnell zu einem schweren Panzer, den es auf dem Weg zur inneren Freiheit rechtzeitig loszulassen gilt: Der Ballast des Erfolgs
  • Der jahrelange Weg der extremen Askese und Selbstkasteiung endete für Siddhartha erst, als er den Widerstand aufgab und Frieden in der einfachen Gegenwärtigkeit fand: Siddharthas Kampf mit dem Teufel
  • Sobald das Verlangen nach Anerkennung oder die Flucht in den Widerstand als bloße Reaktionen erkannt werden, verliert der Kreislauf des Leidens seine Macht: Von Leiden zu Leidenschaft
Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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