Von Rients Ritskes
Als ich noch keine zwanzig war, machte ich meine ersten positiven Erfahrungen mit Zen-Meditation. Wie bei vielen jungen Menschen war mein Leben von Unruhe, Sinnsuche und Anspannung geprägt. Das Meditieren brachte mir etwas, das ich nirgendwo sonst fand: Ruhe, Klarheit und Konzentration. Es half mir enorm während meines Studiums und wirkte sich sogar positiv auf meine Gesundheit aus. Eine chronische Ohrenentzündung, an der ich lange Zeit gelitten hatte, verschwand.

Erste Euphorie
Ich fühlte mich glücklich und wollte dieses Glück gerne mit anderen teilen. Wie so viele Menschen, die etwas Wertvolles entdecken, dachte ich: Warum macht das nicht jeder? Doch schon bald merkte ich, dass fast niemand daran interessiert war. Die Leute fanden es seltsam, esoterisch oder einfach nicht relevant. So begeistert ich auch von meinen Erfahrungen erzählte, es kam einfach nicht an.
Rückblickend erkenne ich, dass ich damals begann, etwas Wichtiges zu verstehen: Eine Erfahrung kann noch so echt und wertvoll sein, aber das bedeutet nicht automatisch, dass du sie auch vermitteln kannst. Ich erkannte, dass sich meine Botschaft, obwohl sie aufrichtig und aus dem Leben gegriffen war, noch nicht ausreichend in meiner Person manifestierte. Es steckte noch zu viel flüchtige Begeisterung darin und zu wenig verkörperte Ruhe. Deshalb traf ich eine Entscheidung, die mein weiteres Leben prägen sollte: Erst wenn ich zehn Jahre Meditationserfahrung gesammelt hätte, würde ich erneut versuchen, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen.
Die Reifezeit
In diesen Jahren vertiefte ich meine Praxis intensiv. Ich nahm an vielen Zen-Retreats im In- und Ausland teil und lebte sogar ein Jahr lang in Japan. Nicht aus dem Ehrgeiz heraus, später Lehrer zu werden, sondern vor allem, weil ich spürte, dass es noch viel zu entdecken gab. Nach etwa zehn Jahren startete ich einen neuen Versuch. In einem gemieteten, muffig riechenden Gewölbekeller gründete ich meine erste Zen-Gruppe. Der Weihrauch diente vor allem dazu, den Kellergeruch zu überdecken. Zu meiner Überraschung war das Interesse von Anfang an groß. Regelmäßig bildeten sich Wartelisten. Anscheinend hatte sich etwas verändert. Das lag nicht an der Botschaft, die war immer noch dieselbe, sondern an der gelebten Tiefe.
Friedensmission
Noch einmal zehn Jahre später entstand erneut ein starkes Verlangen: Ich wollte noch etwas mehr in der Welt bewirken. Neben meiner inzwischen florierenden Zen-Schule Zen.nl gründete ich deshalb „World Peace is Possible“. Die Idee war sehr positiv und idealistisch. Und es gelang auch recht gut, etwas Begeisterung zu wecken, vor allem innerhalb der eigenen Zen-Kreise. Doch ein wirklicher Erfolg wurde es nicht. Lange habe ich mich zusammen mit einigen Freunden, die daran glaubten, dafür eingesetzt, aber der Stein kam nicht ins Rollen.
Inzwischen glaube ich, es zu verstehen. Die Initiative entsprang einem Wunsch, einer Überzeugung. Obwohl positiv und gut gemeint, war es eine idealistische Überzeugung. Eine Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte. Es war nicht ausreichend durchlebt. Ich wusste nicht wirklich, worum es ging. Ich hatte keinen Krieg erlebt und wusste daher kaum, was der Unterschied zum Frieden ist. Ich glaube, „World Peace is Possible“ hätte bessere Erfolgsaussichten gehabt, wenn ich nach der Entstehung der Idee erst einmal zehn Jahre lang als Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Kriegsgebieten gearbeitet hätte. Eine verpasste Chance, aber ich war um eine Erkenntnis reicher.
Gelebte Erfahrung
Aus reiner Überzeugung heraus die Welt verändern zu wollen, ruft – wie wir auch bei „World Peace is Possible“ festgestellt haben – viel Polarisierung hervor. Erst durch gelebte Erfahrung verändert sich deine Art, in dieser Welt präsent zu sein. Überzeugungen können dir viel Energie geben, verleiten dich aber leicht zu schädlichem Idealismus, Enttäuschung und vor allem Kampf. Aus gelebter Erfahrung heraus zu handeln, macht dein Engagement effektiver und nachhaltiger.
Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass Ideale wesentlich sind, aber auch, dass sie von ausreichender innerer Erfahrung getragen werden müssen. Und gleichzeitig bleibt das Paradoxon bestehen: Ohne Ideale bewirkst du nichts, aber Ideale allein reichen nicht aus. Vielleicht beginnt das, was für die Welt oder für andere wirklich Bedeutung hat, viel näher, als du denkst. Nicht bei großen Plänen oder Überzeugungen, sondern bei der Frage, ob deine Ideale in deiner Lebensweise sichtbar werden. Werden Worte wirklich von Erfahrung getragen?
Drei Sesshins
Für mich – und vielleicht für jeden, der für andere etwas bewirken möchte – bleibt es eine ständige Frage, wann eine Erfahrung ausreichend durchlebt ist, um damit nach außen zu treten. Wann sprichst du noch aus Begeisterung und Überzeugung, und wann wirklich aus Erfahrung?
Innerhalb der Zen-Lehrerausbildung von Zen.nl gilt daher als zwingende Voraussetzung, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer mindestens drei einwöchige Sesshins ↗ absolviert haben, bevor sie eine Gruppe anleiten dürfen. Ein solches Wochen-Sesshin ist eine wahre Prüfung. Nicht, weil Leiden an sich wertvoll wäre, sondern weil lang anhaltendes Schweigen, Disziplin und die Konfrontation mit sich selbst etwas offenbaren, das mit Theorie allein unerreichbar ist. Menschen spüren oft instinktiv den Unterschied zwischen Worten, die bloß erdacht sind, und Worten, die wahrhaft durchlebt wurden.
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Rients Ritskes
Zen-Meister und Gründer von Zen.nl
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