Von Leonne Boogaarts
Der Vorschlag war, sich erst mal zusammenzusetzen und zu besprechen, was wir dem Chef sagen würden. Da wollte ich schon mal nicht mitmachen. Erstens hatte ich dem Chef nichts zu sagen, und wenn doch, wäre ich durchaus imstande, mich ohne Vorbesprechung zu äußern. Das sagte ich ihnen auch und machte dabei aus meiner Geringschätzung für Menschen, die es nötig haben, sich in Gruppen zu verstecken, keinen Hehl. Im Laufe des Tages spürte ich ihren Frust, als sie mich gar nicht mehr in ihre Gespräche einbezogen. Warum sollten sie auch? Ich hatte mir ja selbst die Rolle der Außenseiterin angemaßt. Es geschah mir recht, denke ich jetzt. Statt mein Ego aufzuspielen, hätte ich mich auch dazu entschließen können, das Team in seinen Anliegen zu unterstützen.

Gruppenstress
Die Beziehung des Einzelnen zur Gruppe ist oft eine Quelle für Spannung und Stress, sei es am Arbeitsplatz, in der Familie oder im Freundeskreis. Inwiefern ordnet man sich ein und wann beharrt man auf der eigenen Position? Die größten Egos wissen sich oft durchzusetzen, die Schüchternen folgen, auch wenn sie nicht immer einverstanden sind. Dazwischen gibt es, je nach Situation, unzählige Nuancen. In der Gruppendynamik prallen unsere sogenannten Bubbles ↗ aufeinander – jene Mischung aus alten Erfahrungen, Ängsten und Erwartungen, die wir oft unbewusst in jede Begegnung mitbringen. Das kann auch mal zu Spannung und Konflikten führen.
Ich kann mich noch genau erinnern, wann meine Gruppen-Bubble sich definitiv durchsetzte: In dem Büro, in dem ich damals arbeitete, vertrugen sich zwei von den insgesamt vier Kolleginnen nicht mehr. Wir besprachen die Situation mit dem Personalleiter und am Ende der Besprechung stand fest: Eine der streitenden Kolleginnen musste das Arbeitszimmer verlassen. Die Besprechung war zu Ende, die Kollegin räumte ihren Arbeitsplatz und ich fühlte mich sehr unwohl. Hatte ich gerade eine Kollegin ausgegrenzt? Da die Kollegin es selbst weniger problematisch fand, war mein ungutes Gefühl wohl eher meine Projektion und die Angst, selbst ausgeschlossen zu werden, geschuldet. Kurz darauf beschloss ich, mich nie mehr auf Gruppenprozesse einzulassen.
Flucht, Verarbeitung und Inspiration
Diese Bubble bestimmte ab da einen Großteil meiner beruflichen Laufbahn, die von der selbstgewählten Außenseiterrolle in die Selbstständigkeit und ins Homeoffice führte, wo ich mich nicht mehr mit Gruppen herumschlagen musste. Das tat mir gut. Da ich mich nicht mehr vom Gruppenzwang bedroht fühlte, kam ich zur Ruhe. Während der Meditation verarbeitete ich meine Gruppen-Bubble, und so entstand der mentale Raum, in dem Gruppen für mich ihre Bedrohung verloren.
Irgendwann fasste ich den Entschluss, meine Meditationserfahrungen weiterzugeben. Ich wollte Zen-Lehrerin werden und in Berlin meine eigene Zenschule gründen. Schon während der Ausbildung musste ich wieder oft in Gruppen arbeiten, und schließlich selbst Kurse geben und gar Gruppen leiten. Dabei kam auch meine Gruppen-Bubble wieder hoch, doch dieses Mal konnte ich sie durchschauen und meine daraus gewonnenen Einsichten nutzen.
Mir wurde klar, dass meine damals scheinbar ausgegrenzte Kollegin in ihrem neuen Arbeitszimmer ein Team fand, in das sie besser passte und in dem sie sich wohler fühlte. Es ist nicht das Ende der Welt, ausgegrenzt zu werden in einem Team, in dem man ohnehin nicht hineinpasst. Die wichtigste Erkenntnis war jedoch, dass es in Gruppen nicht darum geht, seine Ego-Muskeln zu zeigen. Wenn das Team ein Anliegen hat, dann ist das auch mein Anliegen. Andererseits ist es nicht Sinn der Sache, sich blind allem zu fügen. Vielmehr geht es darum, mitzudenken und die eigenen Erfahrungen einzubringen. Auf diese Weise kann die Gruppe mehr erreichen als die Summe der Mitglieder, und davon profitieren alle.
Die Chance, im Team zu wachsen: Verbindung
Gruppen empfinde ich jetzt nicht mehr als Bedrohung, sondern als eine Chance auf Verbindung mit vielen interessanten Menschen, die alle ihre eigenen Bubbles mit in die Gruppe nehmen. Zwar kann ein Übermaß an unreflektierten Bubbles das Leben erschweren, doch gerade diese individuellen Eigenheiten machen Menschen wertvoll.
Teams geben Menschen die Chance, sich zu entwickeln und über sich hinauszuwachsen. Ich setze mich sehr dafür ein, dass diese Prozesse auch in meiner Zenschule stattfinden können. In meinen Zenkurse möchte ich den Teilnehmenden auch die Chance geben, ihre Frustrationen in Inspirationen zu verwandeln.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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