Die Marmeladenstulle in Indras Netz

Dankbarkeit für das tägliche Brot

Am Frühstückstisch schaue ich auf das Brot auf dem Teller vor mir. Wie ist dieses Brot hier gelandet? Wer sind all die Menschen, denen ich dieses Brot zu verdanken habe? Meine Gedanken wandern zur Bäuerin, die das Getreide säte und Monate später das Korn erntete. Ich denke an die Müllerin, die die Körner zu Mehl mahlte, und an den Bäcker, der den Teig knetete und backte. Und schließlich sehe ich den freundlichen Verkäufer im Laden vor mir, bei dem ich es gestern kaufte.

Illustration von Indras Netz: Ein goldenes Geflecht mit bunten Juwelen an den Knotenpunkten auf weißem Hintergrund, das die zen-buddhistische Lehre der Verbundenheit symbolisiert.
Vom Frühstücksbrot zum Kosmos: Alles ist mit allem verbunden

Doch der Kreis der Menschen, die daran beteiligt sind, dass dieses Brot nun auf meinem Teller liegt, ist noch viel größer. Ich denke an die Lastwagenfahrer, die das Getreide zur Mühle und von dort das Mehl zum Bäcker und das Brot in den Laden brachten. Ich denke an ihre Auftraggeber, die täglich in den Büros die Logistik organisieren, an die Supermärkte und die vielen Menschen, die dort arbeiten. Und an die indirekt Beteiligten: all die Menschen, die diese Menschen mit den Dingen versorgen, die sie wiederum benötigen. Und an alle Vorfahren dieser Menschen, ohne die sie nicht existieren würden. Aber auch an die Sonne, die Wolken und die Erde, ohne die es dieses Brot nicht geben würde. Es nimmt einfach kein Ende. Ich gebe den Versuch auf, meine Fragen bis ins Letzte zu beantworten.

Christen danken Gott für ihr tägliches Brot – dem Schöpfer, der all diese Menschen und den gesamten Kosmos in sich vereint.

Indras Netz: Alles ist verbunden

Um die tiefe Verbundenheit aller Dinge zu verdeutlichen, verwenden Buddhisten oft die Metapher von Indras Netz : ein unendliches kosmisches Gewebe aus feinen, unsichtbaren Fäden. An jedem Knotenpunkt dieses Netzes sitzt ein Juwel, das nicht nur den Glanz aller anderen widerspiegelt, sondern diese anderen Juwelen auch in sich begreift. Jedes Juwel entspricht einem Teil unserer Welt: jedem Menschen, jedem Gegenstand und jedem noch so kleinen Vorgang.

In diesem Weltbild gibt es keine isolierten „Dinge“. Was wir als einen getrennten Gegenstand wahrnehmen – wie dieses Brot –, ist in Wirklichkeit einer der unendlich vielen Knotenpunkte, in denen sich der gesamte Kosmos in diesem Moment manifestiert.

Und ich betrachte all das nicht von außen: Ich bin selbst ein Teil dieses Netzes, hier an diesem Tisch untrennbar mit dem Brot verbunden. Das Brot und ich sind nicht nur mit der Welt verbunden; wir sind die Welt, die sich hier in meiner Küche begegnet. Meine Dankbarkeit gilt nicht nur allen Menschen, die dafür sorgten, dass dieses Brot bei mir auf dem Küchentisch landete. Sie ist die Anerkennung der fundamentalen Untrennbarkeit von allem, was existiert.

Während unser analysierender Verstand versucht – so wie ich es gerade tat –, die Welt in unabhängig voneinander arbeitende Menschen, Dinge und Prozesse zu zerlegen, betonen spirituelle Traditionen wie der Buddhismus die Einheit aller Dinge. Ein Brot ist nicht einfach nur ein Brot, sondern ein Juwel in Indras Netz, in dem alles zusammenkommt. In dem Moment, in dem ich es esse, fließt alles ineinander: ein Augenblick, in dem sich das Ganze begegnet. Ein fast sakraler Moment.

Dankbarkeit ist Aufmerksamkeit

In der Zen-Tradition wird ausdrücklich kein Unterschied zwischen dem Alltäglichen und dem Sakralen gemacht. Ein Brot ist eben doch auch nur ein Brot: ein nahrhaftes Lebensmittel, das meinen Hunger stillt. Ich nehme Kirschmarmelade als Belag und unterdrücke den Drang, nun auch noch die Entstehungsgeschichte der Marmelade zu sezieren.

Ich richte meine Aufmerksamkeit ganz auf das Essen und genieße den Geschmack meiner Marmeladenstulle. Dieses Brot gibt mir die Energie, an diesem Morgen meine Aufgaben zu erfüllen – meinen Teil zu jenem Ganzen beizutragen, für das Indras Netz symbolisch steht.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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