Wenn das Rad nicht rund läuft

Ärger im Briefkasten

„Persönlich und vertraulich“ steht in großen Buchstaben auf dem Brief mit dem Logo der Hausverwaltung, den ich hastig öffne. Darin wird eine Mieterhöhung angekündigt. Beigefügt sind Listen und Berechnungen, die belegen sollen, dass der Vermieter jedes Recht dazu hat. Schnell werden die Konsequenzen dieser Nachricht klar: In einer Zeit, in der ohnehin alles teurer wird, ist diese zusätzliche Ausgabe ein harter finanzieller Schlag.

Deutscher Alt-Text: Cartoon-Illustration einer gestressten und frustrierten Frau, die einen instabilen, trillenden Einkaufswagen schiebt – eine Metapher für Buddhas Begriff Dukkha, das nicht-rund Laufens des Lebens.

Ärger mit dem Einkaufswagen

Der Brief vom Vermieter steht hier stellvertretend für unzählige andere Situationen, in denen das Leben nicht nach Plan läuft. Jeder von uns kennt solche Momente. Buddha nannte diese Art von alltäglichen Ärgernissen Dukkha, was in seiner Sprache – Pali – ursprünglich eine beschädigte Radnabe bedeutet, durch die das Rad nicht mehr rund läuft. Ich stelle mir dabei immer einen Einkaufswagen im Supermarkt vor, der in alle Richtungen ausschlägt – nur nicht dorthin, wohin ich ihn lenken will.

Laut Buddha entsteht Dukkha – im Westen meist mit „Leiden“ übersetzt – durch die Diskrepanz zwischen der Realität und unserer Vorstellung davon, wie sie sein sollte. Dahinter steckt die Überzeugung, nur mit einem gut funktionierenden Wagen angenehm einkaufen zu können, oder der Glaube, nur mit mehr finanziellem Spielraum unbesorgt leben zu können.

Der Trugschluss vom verlangenlosen Leben

Hier wird Buddha oft missverstanden. Man zieht schnell den Fehlschluss: Wenn wir einfach nichts mehr begehren, müssen wir auch nicht leiden. In dieser Sichtweise verursacht das Verlangen nach finanzieller Sicherheit meinen Ärger über die Mieterhöhung. Würde ich dieses Verlangen überwinden können, verschwänden auch mein Ärger und meine Zukunftsängste. Leider geht diese Rechnung nicht auf.

Denn auch das Verlangen nach einem Zustand ohne Verlangen ist wieder ein Verlangen. Wenn ich nichts begehren will, ärgere ich mich wieder, sobald ich doch etwas begehre – und schon entsteht erneut Dukkha. Vielleicht ist ausgerechnet der tiefste Wunsch nach einem Leben ohne Leiden der größte Dukkha-Auslöser.

Eine der Lösungen, die Buddha gegen dieses allgegenwärtige Dukkha nennt, ist das klare Sehen: die Fähigkeit, die Realität wahrzunehmen, ohne direkt unser eigenes emotionales Drama, unseren Widerstand oder ein Katastrophenszenario darüberzustülpen.

Zazen: Übung im klaren Sehen

Das ist es, was wir während Zazen auf unserem Kissen in einer geschützten Umgebung üben. Während der Meditationszeit steigen allerlei Gedanken auf, darunter auch unerwünschte. Wir merken, wie sich unsere Beine gegen die unbequeme Haltung wehren, und all das dauert gerade einmal knapp 20 Minuten. Lang genug jedoch, um unser Dukkha und den Mechanismus dahinter zu beobachten und zu durchschauen: Wir erkennen, wie genau unser Widerstand unsere Ungeduld anfeuert und das Verlangen nach der Schlussglocke nur noch verstärkt.

Klar sehen statt blind akzeptieren

Ein weitverbreitetes Missverständnis ist, dass man als Buddhist mit Verweis auf das Karma einfach alles hinnehmen muss – als wäre man ewig zu einem kaputten Einkaufswagen verdammt oder müsste eine Mieterhöhung stoisch erdulden.

Buddha lädt uns vielmehr dazu ein, die Situation genau so zu durchschauen, wie sie im Hier und Jetzt ist. Der Brief ist da, die Konsequenzen stehen fest. Statt wütend zu werden, in Verzweiflung zu geraten oder den Brief in einer Schublade zu verstecken, bleibe ich präsent. Ich erkenne sowohl die Fakten als auch meine Gefühle an, ohne mich in ein gedankliches Nirwana ohne Sorgen flüchten zu wollen. Dieser Moment ist zwar nicht perfekt, es ist jedoch die Situation, auf die ich jetzt reagieren muss. Und genau aus dieser Nüchternheit entsteht Handlungsfähigkeit.

Vom Durchschauen zum Handeln

Mein Entschluss steht fest: Diese Mieterhöhung nehme ich nicht einfach hin. Da ich keine Energie an Wut, Ärger oder Fluchtreflexe verschwende, kann ich sachlich meine Optionen prüfen. Ein klärendes Telefonat mit einem Anwalt bestätigt: Es gibt tatsächlich Handlungsspielraum.

Werde ich gewinnen? Ich habe keine Ahnung. Aber durch meine Zen-Praxis bin ich zu einer tiefen Erkenntnis gelangt: Was auch immer geschieht, ich bin in der Lage, es zu tragen.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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