Von Leonne Boogaarts
Es war eine der tiefgreifendsten Erfahrungen meines Lebens. Sie dauerte wahrscheinlich nur wenige Minuten, aber sie krempelte alles um. Zunächst fühlte es sich an wie eine Flow-Erfahrung, wie ich sie schon einige Male erlebt hatte.

Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich einmal fast unbemerkt einen langen, eher langweiligen Text übersetzt hatte. Als ich fertig war und auf die Uhr schaute, waren vier Stunden vergangen; gefühlt waren es nur zehn Minuten. Das Beste daran: Die mühsame Arbeit war wie von Geisterhand erledigt, als hätte ich sie gar nicht selbst bewältigt. Solche Erlebnisse machen Flow zu einem erstrebenswerten Zustand.
Der Flow-Geist
Während einer Flow-Erfahrung gehst du ganz in dem auf, was du gerade tust. Das Ich tritt völlig zurück und macht Platz für ein Wirken, das über dich hinausgeht.
Der Sänger Bob Dylan spricht hier von einem Geist, der für ihn seine Lieder schrieb. Und der Autor Neil Gaiman fühlt sich in solchen Momenten oft nicht mehr als Schöpfer, sondern als der erste Leser seiner eigenen Zeilen.
Der US-Psychologe Mihály Csíkszentmihályi untersuchte dieses Phänomen und publizierte 1990 sein Buch Flow. Das Geheimnis des Glücks. Seitdem ist ein wahrer Flow-Kult entstanden.
Wir schielen auf die Flow-Erfahrungen erfolgreicher Künstler und denken: „Diesen Erfolg will ich auch.“ Unternehmen nutzen Flow als Produktivitäts-Hack zur Effizienzsteigerung. Flow-Junkies verschieben immer wieder ihre Grenzen und gleitsegeln an Steilwänden entlang, nur um den nächsten Kick zu spüren. Eine an sich egolose Erfahrung wird vom Ego gekapert, das daraufhin eine Jagd nach Spitzenerlebnissen startet.
Handeln im Einklang mit dem Tao
Die Erfahrung, die wir heute als Flow bezeichnen, ist ein universelles menschliches Phänomen. Im alten China nennt man es Wu-Wei ↗, im japanischen Zen Mui – beides bedeutet „Nicht-Handeln“. Das Ich tritt zurück, die Handlung scheint wie von selbst zu fließen. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Umgang damit.
Die Wu-Wei-Erfahrung ist in eine tiefe Spiritualität eingebettet. Statt der Jagd nach egozentrischen Spitzenerlebnissen mündet Wu-Wei in ein tiefes Verantwortungsgefühl. Man tut schlichtweg das, was die momentane Situation verlangt – auch dann, wenn es gegen die eigene Abenteuerlust oder Bequemlichkeit geht. Gehandelt wird im Einklang mit dem Tao.
Ruf der Situation
Dieser Unterschied wurde mir nach jenen alles verändernden Minuten bewusst. Nach vier Tagen intensiver Meditation während eines Sesshins ↗ erwachte ich aus einem Zustand von Wu-Wei. Ich spürte sofort: Dies war kein normaler Flow, den ich als Rausch oder Trophäe für mich behalten konnte. Es gab eine unausweichliche Konsequenz: Wenn diese tiefe Erfahrung für mich möglich ist, ist sie es auch für andere. Ich musste sie teilen; sie anderen zugänglich machen.
Als ich später darüber nachdachte, wie ich das umsetzen sollte, fasste ich den Entschluss: Ich werde eine Zenschule in Berlin gründen. Abends im Dokusan ↗ sagte ich dem Zen-Meister, dass ich die Ausbildung zur Zen-Lehrerin machen werde. Der erste Schritt in eine grundlegend andere Richtung war getan.
Jenseits der Bequemlichkeit
Das Paradoxe daran war: Ich war zu dieser Zeit sehr zufrieden mit meinem Leben. Ich verspürte keinerlei Drang, etwas zu verändern oder noch einmal eine Ausbildung zu beginnen. Plötzlich musste ich Dinge lernen, die mir eigentlich fernlagen – ich hatte keine Ahnung von Marketing oder der Pflege einer Website. Vieles, was zur Führung eines Unternehmens gehört, lerne ich immer noch. Und auch die Herausforderung, Zen lebendig zu vermitteln und andere auf ihrem Weg zu begleiten, fordert mich jeden Tag aufs Neue.
Aber genau das ist der Schritt vom Flow zum Wu-Wei: Es geht nicht um den nächsten Kick, sondern darum, kompromisslos das zu tun, was die Situation jetzt von dir verlangt.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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