Bubbles und der Zeigarnik-Effekt

Meine Mutter sagte immer: Mach fertig, was du angefangen hast. Jetzt weiß ich, ich hätte besser auf sie hören sollen. Unvollendete Dinge bleiben nämlich hängen und setzen sich als Bubbles fest – nicht nur auf deinem Schreibtisch, sondern auch in deinem Kopf. Die Psychologin Bluma Zeigarnik entdeckte dieses Phänomen, das heute ihren Namen trägt.

Ein klassisches Portrait der Psychologin Bluma Zeigarnik in einem ovalen Goldrahmen – Namensgeberin des Zeigarnik-Effekts über unerledigte Aufgaben.
Bluma Zeigarnik

Was genau ist eine Bubble?

Eine Bubble ist etwas, das noch nicht verarbeitet oder abgeschlossen ist: die E-Mail, die auf eine Antwort wartet; das Gespräch, das du vor dir herschiebst; die Entscheidung, die du nicht triffst; oder ein Versprechen, das noch offensteht. Jede Bubble verlangt Aufmerksamkeit. Solange sie nicht durchschaut oder abgeschlossen ist, bleibt sie präsent – oft nur als subtile Spannung im Hintergrund, aber sie ist da.

Das Gedächtnis des Kellners

Der Zeigarnik-Effekt: Menschen behalten unvollendete Aufgaben besser im Gedächtnis als abgeschlossene.

Es heißt, Bluma Zeigarnik saß in einem Café und beobachtete, wie ein Kellner sich mühelos eine lange Reihe von Bestellungen merkte: Wer was bestellt hatte, wer noch bezahlen musste, welcher Tisch noch offen war. Alles ohne etwas aufzuschreiben, alles war scheinbar ohne jede Anstrengung im Kopf präsent.

Sobald ein Tisch bezahlt hatte, schien der Kellner diese Informationen jedoch sofort zu vergessen. Was noch vor ein paar Minuten glasklar präsent war, war plötzlich verschwunden. So wie es auch viele Menschen gibt, die sich bis zur Prüfung alles merken und danach alles wieder vergessen. Das brachte sie auf eine Idee.

Warum das Gehirn nicht loslässt

In ihren Experimenten ließ sie Menschen viele Aufgaben ausführen, von denen ein Teil bewusst unterbrochen wurde. Anschließend untersuchte sie, woran sich die Teilnehmer erinnerten.

Immer wieder zeigte sich: Unvollendete Aufgaben wurden besser im Gedächtnis behalten als abgeschlossene. Was nicht fertig ist, bleibt aktiv. Das ist kein Fehler des Gehirns, sondern eher eine clevere Eigenschaft. Was noch nicht abgeschlossen ist, bleibt relevant und wird deshalb festgehalten. So wie der Kellner, der sich alles merkt, solange noch nicht bezahlt ist, und es loslässt, sobald alles erledigt ist.

Dieser an sich funktionale Mechanismus wird im Alltag oft zur Belastung. Das Problem ist, dass wir in der modernen Welt oft viele Bubbles im Kopf haben, manchmal Hunderte gleichzeitig: kleine praktische Dinge, größere Entscheidungen, emotionale Angelegenheiten, unverarbeitete Erfahrungen, soziale Verpflichtungen und Pläne für die Zukunft vermischen sich und bleiben alle aktiv. Am Ende des Tages haben wir das Gefühl, wenig erledigt zu haben, und sind trotzdem müde. Nicht weil wir so viel getan haben, sondern wegen all unserer Bubbles. Dabei sind nicht die Bubbles das Problem, sondern zu viele Bubbles.

Löse die Aufgabe oder die Spannung

Wenn wir zu viele unabgeschlossene Dinge im Kopf haben, ist unser erster Reflex, diese schnell zu erledigen. Dafür fehlt uns jedoch oft die Zeit. Unser Gehirn verlangt aber gar nicht zwingend nach dem Abschluss der Aufgabe selbst, sondern nach der Auflösung der damit verbundenen Spannung.

Diese Spannung kannst du auf verschiedene Arten lösen:

  • Tun: Du erledigst es einfach (der Rat meiner Mutter).
  • Planen: Du entscheidest konkret, wann und wie du es tun wirst. Ein fester Plan signalisiert dem Gehirn: „Erledigt für den Moment“.
  • Loslassen: Du entscheidest bewusst, dass eine Sache nicht mehr nötig ist.

Es geht also nicht darum, dass alles erledigt werden muss, sondern darum, dass die Bubbles durchschaut und bewusst eingeordnet werden. So verlieren sie ihre Spannung.

Große Ziele, riesige Bubbles

Diese Erkenntnis wirft ein anderes Licht auf Ehrgeiz und große Ziele. Wir kennen alle Menschen, die sich für etwas Großes einsetzen, manchmal sogar für etwas scheinbar Unmögliches, wie Weltrettung oder die Erleuchtung aller Lebewesen.

Auf den ersten Blick scheinen große Ziele riesige Bubbles zu sein, die niemals abgeschlossen werden können. Dennoch verstricken sich Menschen mit großen Visionen selten in einem Aufgaben-Chaos. Der Grund: Ein solches Ziel fungiert für sie nicht als erdrückende, unvollendete Aufgabe, sondern als richtungsweisende Bubble. Sie ordnet das Handeln und lässt sich in konkrete, machbare Schritte übersetzen: ein Gespräch, eine Entscheidung, eine Handlung. Diese einzelnen Schritte werden unternommen und abgeschlossen. So werden regelmäßig kleine Bubbles aufgelöst, während die große Mission bestehen bleibt.

Zu viel wollen

Viele Menschen setzen sich keine großen Ziele, aber sie wollen zu viel. Dann gibt es keine klare Richtung, sondern eine Ansammlung unstrukturierter, halbfertiger Absichten. Nicht die Größe des Ziels, sondern die Anzahl der offenen Bubbles bestimmt den empfundenen Druck.

Viele junge Menschen scheinen das heutzutage zu erleben: Sie können alles, wollen alles, bringen aber verhältnismäßig wenig zu Ende. Das Paradoxe ist also, dass ein großes Ziel Ruhe und Struktur gibt, während viele kleine, unvollendete Bubbles für ständige Unruhe sorgen.

Bubbles im Zazen

In der Zen-Praxis wird dieser Mechanismus unmittelbar sichtbar. Sobald du dich hinsetzt und deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem richtest, tauchen die Bubbles von selbst auf: Gedanken darüber, was noch zu tun ist, was noch offensteht, was du hättest machen sollen. Wir neigen dazu, sofort darauf reagieren zu wollen: sie in Gedanken zu erledigen oder wegzudrücken.

Beim Zazen tun wir jedoch genau das Gegenteil. Du siehst, wie deine Bubbles auftauchen und wieder verschwinden. So durchschaust du diese Störenfriede immer besser und kannst klügere Entscheidungen treffen: Manche Dinge beschließt du zu Ende zu bringen, manche bewusst loszulassen. So entsteht Raum für das, was wirklich zählt. Vielleicht gar für große Ziele.


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Rients Ritskes, der eine Brille und ein weißes Hemd trägt.

Zen-Meister und Gründer von Zen.nl

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