Zen und die Kunst des Lernens

Anstatt das Hotelfrühstück zu genießen, denke ich an den Vortrag, den ich heute vor einem größeren Publikum halten soll. Als ich im Dezember gefragt wurde, gab ich mich noch locker: „Klar mache ich.“

Ein Foto der Zen-Lehrerin am Rednerpult während ihres Vortrags. Sie hat lockiges, braunes Haar und trägt eine schwarze Jacke über einem weißen Oberteil. Der Hintergrund zeigt eine große Fensterfront mit Birkenbäumen und das Publikum im Vordergrund.

Vertrauen statt Kontrolle

Doch je näher der Termin rückt, desto mehr schwindet mein anfänglicher Mut. Noch an diesem letzten Morgen gehe ich den Vortrag in Gedanken immer wieder durch und merke, dass ich ständig Details vergesse. Das macht mir Sorgen. Dann die Erkenntnis: Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn du Details vergisst. Das Wichtigste ist, dass du entspannt bleibst. Dass du dir die Zeit nimmst, am Rednerpult anzukommen, bevor du beginnst, und dir regelmäßig kurze Pausen gönnst.

Diese Einsicht gibt mir Vertrauen. Anstatt den Vortrag im Kopf zu wiederholen, genieße ich die Zugfahrt zur Konferenz. Es ist ein schöner Tag. Der Vortrag läuft gut, ich ernte Applaus und positives Feedback. Zufrieden reise ich abends zurück nach Berlin.

Anfängergeist: Was lerne ich hieraus?

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, mich immer wieder zu fragen: Was lerne ich hieraus? Der entscheidende Punkt an diesem Tag war: Eine ruhige Haltung ist um ein Vielfaches wichtiger als die Details. Natürlich ist eine gründliche Vorbereitung notwendig, aber letztlich kommt es darauf an, die Ruhe zu bewahren.

Der Zen-Anfängergeist (Shoshin ) ist ein neugieriger, offener und vor allem lernender Geist. Ein nichtwissender Geist, der offen für neue Erkenntnisse ist und sowohl aus guten als auch aus schlechten Erfahrungen lernt.

Die Erlebnisse dieses Tages bestärken meine Lebenshaltung, jeden Moment als sinnvoll und lehrreich wahrzunehmen. Ich will meinen Herausforderungen mit Ruhe begegnen und mich nicht verrückt machen lassen von dem, was schiefgehen könnte. Denn so geht „im Moment sein“.

Raus aus der Konditionierung

Echtes Lernen ist immer ein bewusster Vorgang. Unbewusstes Lernen gibt es zwar auch, aber das führt lediglich zu Konditionierung oder zu dem, was wir bei Zen-Meditation BerlinBubbles nennen.

Angenommen, mein Vortrag wäre nicht gut gelaufen. Der unbewusste Lernpunkt ist dann oft: Ich kann das nicht und lasse lieber die Finger davon. Der bewusste Lernpunkt hingegen kann sein: Es lag daran, dass ich mir zu viel Stress wegen der Details gemacht habe.

Unbewusstes Lernen aus einer Erfolgserfahrung führt ebenso zu einer Konditionierung: Sie mündet in Selbstgefälligkeit und Selbstüberschätzung – nur um bei der nächsten Gelegenheit eines Besseren belehrt zu werden.

Lernen von jedem Atemzug

Durch bewusstes Lernen aus allen Lebenserfahrungen entwickelt sich Weisheit – was im Gegensatz zu Wissen im Leben um vieles mehr bringt. Weisheit wird niemandem in die Wiege gelegt. Es ist jedoch eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt. Die einfache Frage „Was lerne ich hieraus?“ ist dabei ein hilfreiches Instrument.

Unsere zentrale Übung Zazen (Sitzmeditation) ist gelebtes Lernen. Wir folgen unserem Atem, während in und um uns herum alles Mögliche geschieht. Dabei lernen wir unmittelbar, was im eigenen Kopf vorgeht, wie wir mit Langeweile und Ungeduld umgehen oder wie körperliches Unbehagen die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Zazen lernen wir von jedem Atemzug.

Aufmerksam und gegenwärtig

Dieses kontinuierliche Lernen aus der direkten Erfahrung geht auf Buddha zurück. Er ermutigte dazu, fortwährend aufmerksam zu bleiben und geistesgegenwärtig im Leben zu stehen – bei all unseren alltäglichen Handlungen: beim Gehen, Stehen und Schauen, beim Essen und Trinken, beim Sprechen und Schweigen.

Das ist es, worum es im Zen-Buddhismus im Kern geht: Aufmerksamkeit.


Dieser Artikel ist ein Impuls. Der wöchentliche Zenletter bietet dir regelmäßige Inspiration und praktische Einsichten für deinen Weg.

Inspiration für deinen Alltag

Möchtest du regelmäßig Zen-Impulse erhalten? Dann melde dich jetzt für unseren kostenlosen Zenletter an:


Wohnst du in Berlin? Die kostenlose Probestunde ist der ideale Einstieg in unseren Zen-Einführungskurs. Erfahre hier mehr

Mehr lesen:

Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

Hast du Fragen zum Artikel, möchtest du etwas kommentieren oder einfach mehr über Zen erfahren? Schreib mir eine E-Mail 📧– ich freue mich auf deine Nachricht und antworte dir gerne.😊