Von Leonne Boogaarts
Die Kassiererin starrte mich genervt an, und ich spürte die Ungeduld der Menschen in der Schlange im Nacken. „Die Karte funktioniert nicht“, meinte sie und schob mir das Plastikteil über das Band zurück, während ich in meinen Taschen nach Münzen suchte.

Erst vor einigen Wochen war ich aus den Niederlanden nach Deutschland gezogen. Als ich mich dazu entschloss, schnell noch einen Joghurt zu kaufen, hatte ich ganz vergessen, dass meine niederländische Bankkarte damals in deutschen Supermärkten noch nicht funktionierte. Der nächste Geldautomat war zwei Bushaltestellen entfernt, und ich blockierte die Kasse.
„Wie viel fehlt denn?“ Plötzlich stand eine Frau neben mir. Es waren vielleicht zwei Euro, die sie kurzerhand übernahm. Als ich sie draußen abfing, um mich noch einmal zu bedanken, winkte sie ab: „Bedanken Sie sich nicht bei mir. Helfen Sie einfach irgendwann jemandem, der in der gleichen Situation steckt.“
Es kommt nicht oft vor, aber wenn ich merke, dass jemandem an der Kasse ein paar Euro fehlen, biete ich, genau wie meine Helferin damals, meine Hilfe an. Manche nehmen – wie ich – diese Hilfe dankbar an. Andere stellen lieber einige Waren zurück. Die kleine Geschichte an der Kasse hat letztendlich meinen Blick geschärft für jene alltäglichen Augenblicke, in denen kleinste Gesten zählen.
Die verborgene Macht kleiner Momente
Es sind oft solche kleinen Geschichten, die wir vielleicht schnell vergessen, die aber unser Verhalten nachhaltig prägen. An diese spezielle Begebenheit erinnere ich mich natürlich gerne, weil sie eine positive Seite in mir geweckt hat. Aber es hätte auch ganz anders laufen können.
Die Situation damals war ärgerlich und es war mir auch peinlich, dass ich die Kasse blockierte. Meine Scham hielt sich jedoch in Grenzen. Aber was wäre gewesen, wenn ich mich damals in Grund und Boden geschämt hätte? Vielleicht würde ich dann heute nicht unauffällig versuchen zu helfen, sondern mit großen, lauten Gesten – nur um meine alte Scham zu übertönen. In diesem Fall könnte erst die Erinnerung an diese schmerzhafte Erfahrung mein heutiges, peinliches Verhalten erklären, und so entstünde Raum für Veränderung.
Denn nur wenn wir uns dessen bewusst sind, was uns antreibt, gewinnen wir die Freiheit, unser Verhalten zu ändern. Und deshalb lohnt es sich, unsere Geschichten zu erzählen oder sie aufzuschreiben.
Die dunklen Kammern unseres Bewusstseins
Unsere peinlichsten Geschichten sind uns jedoch oft nicht zugänglich. Gerade weil sie so schmerzhaft sind, haben wir sie weit weg in den verborgenen Kammern unseres Bewusstseins geparkt, von wo aus sie dann unbewusst unser Verhalten steuern. Unbemerkt formen sie unser Ego, suchen ständig nach Bestätigung und prägen deshalb Verhaltensmuster, die uns stets aufs Neue die gleichen Probleme bescheren. Wir fragen uns verzweifelt, warum wir denn immer wieder dieselben Fehler begehen. Ein Teufelskreis, aus dem wir oft nur schwer herausfinden.
Raum für Veränderung schaffen
Darum praktizieren wir bei Zen-Meditation Berlin die Zazen-Methode des Susokukan ↗, was so viel bedeutet wie: „Durch das Zählen des Atems sehen“. Indem wir unser bewusstes Denken mit einer einfachen Aufgabe beschäftigen, bekommen unsere unerzählten Geschichten den Raum, aus ihren verborgenen Kammern herauszutreten und sich uns zu zeigen. Und das gibt uns die Chance, unser Verhalten zu erkennen und zu ändern.
Denn nur indem wir das Verborgene ins Licht unseres Bewusstseins rücken, verliert es seine Macht über uns.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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