Von Leonne Boogaarts
Vom unbewussten Fluchtreflex zur bewussten Entscheidung
Ein erleuchteter Geist ist ein lernender Geist, der sogenannte Anfängergeist (Shoshin ↗): ein wacher und neugieriger Geist, der völlig offen ist für die Signale seiner Innen- und Außenwelt. Diesen Geist, den wir während der Sitzmeditation (Zazen ↗) trainieren, versuche ich auch im Zen-Unterricht zu vermitteln. Dabei drängte sich mir diese Woche eine Frage auf, die einen kritischen Blick auf meine Lerninhalte warf und mich deshalb sehr beschäftigte: Sind wir Menschen nicht sowieso lernende Geister? Unser Gehirn verarbeitet schließlich pausenlos Informationen, bewusst oder unbewusst. Wie kann ich die Kursteilnehmenden davon überzeugen, sich regelmäßig auf ein unbequemes Kissen zu setzen und zu meditieren, um ihren Anfängergeist zu trainieren, wenn ihr Gehirn doch ohnehin schon lernt?

Ein flaues Gefühl im Magen …
Ich liebe es, meine Zen-Schule zu führen, den Unterricht vorzubereiten, in den Kursgruppen komplexe Zenthemen zu erörtern und Artikel wie diesen zu schreiben. Die Buchhaltung ist dabei jedoch ein immer wiederkehrender Störenfried, den ich lange vor mich herschieben kann. Nur der Gedanke daran triggert bis knapp vor dem Einreichungstermin beim Steuerberater meine Prokrastination: Morgen geht auch noch.
Da fällt mir auf einmal ein flaues Gefühl im Magen auf und ich merke, wie gerade dieses Gefühl den Gedanken triggert: Morgen geht auch noch. Was ist das für ein Gefühl? Angst? Wofür? Mir wird klar: Ich habe Angst, bei der Buchhaltung Fehler zu machen. Und das ist keine unberechtigte Angst, denn es drohen ernste Konsequenzen, wie ein Bußgeld oder unerwartete Nachzahlungen.
Schon nach einer kurzen Google-Recherche stellt sich heraus, dass ich mit dieser Angst nicht allein dastehe: Drei von vier Deutschen geben in einer aktuellen Studie der Steuer-App Taxfix an, genau wie ich Angst davor zu haben, bei der Steuererklärung Fehler zu machen.
… und was man daraus lernen kann
Ich habe diesen Prozess, der mit einem flauen Gefühl im Magen beginnt und mit der Prokrastination endet, viele Male durchlebt und dabei immer gelernt: Buchhaltung ist gefährlich, lass die Finger davon! Und die rettende Prokrastination hinterher fühlt sich erst mal gut an. Bis mir am nächsten Tag noch etwas dringlicher wieder einfällt: „Ich sollte doch jetzt wirklich die Buchhaltung machen.“ Eine Lernschleife, die mein prokrastinierendes Verhalten immer wieder verstärkt.
Bis ich eben dieses flaue Gefühl und seine Wirkung entdeckte. Der darauffolgende Lernprozess war ein bewusster, samt Raum zur Reflexion und Verhaltensänderung. Gerade weil Fehler in der Buchhaltung zu ernsthaften Konsequenzen führen können, ist Aufschieben wohl die schlechteste Reaktion. Statt sorgfältig zu arbeiten, führt die Prokrastination gerade zum fehleranfälligen und unsorgfältigen Handeln im letzten Moment.
Und gerade deshalb lohnt es sich, Zeit auf einem Kissen zu verbringen, um seinen Anfängergeist zu trainieren. Wo unbewusste Lernprozesse eher zu einer automatischen, sich immer bestätigenden Lernschleife führen, aus der man nur schwer wieder hinausfindet, bietet der bewusste Lernprozess die Chance zu wirklichen Verbesserungen: das Prokrastinieren zu stoppen und sich Zeit zu nehmen, damit du schwierige Aufgaben sorgfältig erledigen kannst.
Die Bonus-Lektion
Dabei wurde mir noch eine weitere Sache bewusst: Unser tägliches Handeln wird oft von solch kaum spürbaren Gefühlen gesteuert. Das ist der Grund, warum wir oft wider besseres Wissen handeln. Um ein wirklich selbstbestimmtes Leben zu führen, ist es entscheidend, genau hinzuspüren und zu entdecken, wie sie unbewusst unser Verhalten bestimmen. Genau diese Feinfühligkeit entwickeln wir, wenn wir auf dem Kissen unseren Anfängergeist trainieren.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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