Ensōs malen

Der Zenweg aus dem Perfektionismus

Das Malen eines Ensō ist eine besondere Kunst. Die Methode besteht darin, den Kopf durch Konzentration auf den Atem freizubekommen, den Pinsel anzusetzen und während des Ausatmens den Kreis zu malen. Was dabei herauskommt, ist ein Spiegel der geistigen Verfassung des Malers in diesem Moment. War er zu sehr damit beschäftigt, ein schönes Bild zu malen? Oder hatte er den Kopf vielleicht ganz woanders? Beides sieht man dem Ensō an.

Ein älterer Zen-Meister in schwarzem Kimono kniet auf dem Boden und malt mit einem großen Pinsel und schwarzer Tusche einen unperfekten Enso-Kreis auf eine Papierrolle.

Im Grunde gilt das für alle unsere Handlungen und das, was wir damit erzeugen – sei es eine E-Mail, dieser Artikel oder das, was wir in einem Gespräch von uns geben. All das sind Ensōs: Ausdrücke unserer Verfassung in dem Moment, als wir die Mail schrieben, den Artikel verfassten oder unsere Bemerkungen machten.

Der Wunsch, ein sehr schönes Ensō zu malen

Manchmal stellt mein Zenlehrer Rients Ritskes den Kursteilnehmern eine Frage. Auf alle Antworten reagiert er mit einem bestätigenden Nicken. Wenn ihn eine Antwort überrascht, sagt er „sehr schön“. Ich bin ehrgeizig und versuche, möglichst oft ein „Sehr schön“ zu ernten – was mir fast nie gelingt, wenn ich es darauf anlege. Meine Absicht, zu gefallen, spiegelt sich in der Oberflächlichkeit meiner Antwort wider.

Ich erinnere mich an einen Abend in meiner regulären Zengruppe. Wir sprachen über das „Messen“ – ein abstraktes Thema, bei dem viele ins Grübeln geraten. Ein Teilnehmer meint, er verstehe nicht wirklich, was wir eigentlich tun, wenn wir messen.

Die schönsten Ensōs kommen überraschend

In dem Moment erinnere ich mich, wie ich vor dem Freiburger Münster stehe. Eine Gästeführerin zeigt auf eingemeißelte Umrisse im Stein. Sie erklärt, dass dies die gesetzlichen Brotmaße waren: Wenn es Streit über die Größe eines Laibes gab, kamen Käufer und Bäcker hierher, um nachzumessen. Ich sehe in Gedanken, wie ein mittelalterlicher Bäcker und ein Kunde vor der Mauer stehen. Sie halten das echte Brot direkt an die Form in der Mauer, um zu prüfen, ob die Größe stimmt. Da wird mir klar: Messen ist im Kern nichts anderes als das Vergleichen zweier Dinge – sei es das Brot mit dem Steinmaß, die Position auf See mit dem Nordstern oder unser Verhalten mit unseren inneren Werten.

Spontan teile ich diese schlichte Einsicht aus Freiburg. Ich sehe, wie einige Teilnehmende ihre Hefte zücken und mitschreiben. Überrascht bemerke ich, dass ich mir ein „Sehr schön“ verdient habe. So sieht ein Ensō aus, der mein aufmerksames Zuhören und die ehrliche Absicht, etwas zu einem Gespräch beizutragen, spiegelt.

Zen ist keine Garantie für ein schönes Ensō

Wir alle ernten gerne und möglichst oft ein „Sehr schön“. Wir könnten uns vornehmen, uns ganz „zenmäßig“ den Kopf von unlauteren Absichten zu befreien, in der Annahme, der Erfolg sei dann garantiert. Leider ist das nicht so. Selbst ein mit den besten Absichten geführtes Gespräch – in der völligen Überzeugung, dass das jetzt gesagt werden muss – kann beim Gesprächspartner in den falschen Hals geraten. Bedauerlicherweise ist auch die oben beschriebene Methode für das Malen eines Ensō keine Garantie für ein perfektes Ergebnis.

Wir können nie wissen, was die Folgen unseres Handelns sind. Das sollte uns jedoch nicht vom Handeln abhalten.

Den Pinsel immer wieder neu ansetzen

Im Kern ist das Ensō-Malen eine Übung darin, sich auf das zu konzentrieren, was du gerade machst, ohne ein bestimmtes Ergebnis zu erwarten. Es geht darum, auch wenn dir das Ensō im Nachhinein nicht gefällt, den Pinsel sofort und immer wieder neu anzusetzen.

Lass dich nicht von der Angst vor einem „misslungenen“ Ergebnis lähmen. Male viele Ensōs! Schreibe die Mail, führe das Gespräch, wage den Schritt. Es geht darum, das zu tun, was du tun willst, und das so aufmerksam wie möglich. Perfektion ist eine Illusion, die uns nur im Weg steht. Oder wie es der Kalligrafiekünstler Kazuaki Tanahashi so treffend ausdrückt:

„Es ist unmöglich, einen perfekten Kreis zu zeichnen. Wir geben die Vorstellung, perfekt sein zu müssen, einfach auf. Wir geben uns der Erschaffung von Unvollkommenheit hin.“


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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