Im Zen geht es darum, alles, was du tust, mit größtmöglicher Aufmerksamkeit zu tun. Das fällt leichter, wenn du deine Ziele klar vor Augen hast. Das bedeutet jedoch nicht, dass du dich auf ein starres Ergebnis fixieren solltest, denn genau das behindert den Prozess. Dies wurde mir klar, als ich die Geschichte von Kosen las.

Ein Entwurf schlechter als der andere
Der Meister Kosen sollte eine Kalligrafie für das neue Tempeltor entwerfen. Er gab sich größte Mühe, eine vollendete Arbeit abzuliefern, doch sein schelmischer Lehrling lehnte jeden seiner Entwürfe ab: „Nicht gut.“ – „Dieser ist noch schlechter als der vorige.“ 48 Versuche später war der Künstler der Verzweiflung nahe. Als sein Lehrling für einen Moment nach draußen ging, nutzte er die Gelegenheit, um ohne dessen kritischen Blick einen letzten Versuch zu wagen. Genau dieser, so urteilte der zurückgekehrte Lehrling, war ein Meisterwerk.
Ich erkannte sofort den Druck, unter dem Kosen stand. Ich arbeite seit über zwanzig Jahren als Übersetzerin und es kostet mich kaum Mühe, eine gute Übersetzung abzuliefern. Außer wenn ich aus irgendeinem Grund den Anspruch habe, eine außergewöhnlich gute Übersetzung liefern zu müssen, zum Beispiel, um einen neuen Kunden zu beeindrucken. Und dann klappt es plötzlich nicht mehr. Ich zweifle an vertrauten Formulierungen und Fachbegriffen, suche im Internet nach dem richtigen Ansatz. Ich überprüfe und korrigiere jeden Satz. Das blockiert mich, der Prozess verläuft holprig und die Freude an meiner Arbeit schwindet. Erst wenn der Zeitdruck mich zwingt, meinen Perfektionismus loszulassen, entsteht in relativ kurzer Zeit eine allenfalls mittelmäßige Übersetzung. Die Fixierung auf ein perfektes Ergebnis lenkt die Aufmerksamkeit vom Prozess ab, und dieser Mangel an Aufmerksamkeit spiegelt sich im Resultat wider.
Der Weg ist das Ziel: Wisse, welche Abzweigung du nimmst
Aber wie verhält es sich nun mit Zielen? Auch sie sind ja auf die Zukunft ausgerichtet. Man hört oft den Satz „Der Weg ist das Ziel“ – eine Einladung, die Aufmerksamkeit vom zukünftigen Ergebnis auf den Weg im Hier und Jetzt zu lenken. Darin steckt jedoch auch die Botschaft, dass man überhaupt ein Ziel braucht, um sich auf den Weg zu machen. Aber da ist noch mehr: Wer sein Ziel nicht klar vor Augen hat, muss sich an jeder Kreuzung aufs Neue fragen, welche Richtung er einschlagen soll. Wer ständig über die Richtung nachdenken muss, kann seine Aufmerksamkeit nicht mehr voll und ganz dem Weg widmen. Ich kenne das vom Wandern. Wenn man nach ein paar Stunden eine falsche Abzweigung genommen hat und der Weg ins Ungewisse führt, werden die Beine plötzlich sehr schwer. Man genießt das letzte Stück doch viel mehr, wenn man weiß, dass man nach einer halben Stunde am Ziel ankommt.
Unbewusste Ziele und die Fixierung auf Ergebnisse
Das bedeutet übrigens nicht, dass Kosen und ich in unserem Streben nach einem außergewöhnlich guten Ergebnis ziellos waren. Wir hatten ein Ziel, aber wir waren uns dessen nicht bewusst: Wir wollten unsere Auftraggeber beeindrucken. Während du bei bewussten Zielen selbst eine Richtung wählst, lenken dich unbewusste Ziele in Richtung eines unbekannten Bestimmungsortes. Ziele wie gemocht zu werden, die Kontrolle zu behalten, perfekt zu sein oder Konflikte zu vermeiden, sind meist unbewusst und jagen dich vor sich her. Sie verstärken die Neigung, sich auf Ergebnisse zu fixieren.
Wenn du unbewusst den Entschluss fasst, deinen Auftraggeber beeindrucken zu wollen, schaut dieser dir praktisch ständig über die Schulter. Bei Kosen übernahm sein kritischer Lehrling die Rolle des externen Richters. Bei mir ist es ein imaginärer Auftraggeber, der stets herablassend auf das Ergebnis blickt. Diese Bewertung mit fremden Augen hat zur Folge, dass ich mich auf das Ergebnis fixiere und mir der Prozess aus den Händen gleitet.
Nur bewusste Ziele ermöglichen es dir, die Aufmerksamkeit beim Weg zu halten und ihn zu genießen. Außerdem bieten sie den Vorteil, dass du sie anpassen oder loslassen kannst – zum Beispiel, wenn du wie ich bei meiner Wanderung versehentlich eine falsche Abzweigung nimmst und deine Pläne neu justieren musst. Bewusst gewählte Ziele helfen dir, den Weg zu gehen, den du gehen willst, auch wenn sich die Umstände ändern.
Meditieren in der Falle
Die Neigung, sich auf das Ergebnis zu fixieren, ist menschlich. Selbst nach Jahren der Zen-Meditation bleibt dies auch für mich eine Falle, in die ich hin und wieder hineinfalle. Durch regelmäßiges Meditieren werde ich jedoch immer besser darin, die Signale zu erkennen, wenn ich von meinem Weg abkomme. Darüber hinaus führt die Verarbeitung von solchen Erfahrungen während der Meditation immer wieder zu Einsichten, wie ich sie in diesem Artikel beschrieben habe. Die Zen-Meditation schafft das ideale Übungsfeld, um subtile Verschiebungen im eigenen Geist wahrzunehmen und aus den eigenen Fehlern zu lernen. Du trainierst dich darin, den Fokus bewusst zu verlagern – weg von der krampfhaften Fixierung auf das Ergebnis, zurück zu einer offenen, ermöglichenden Aufmerksamkeit für dein Ziel und den Weg dorthin.
Indem du diese Fähigkeit kultivierst, übernimmst du wieder das Steuer deiner eigenen Erfahrung. Nicht nur bei deiner Arbeit, sondern in allem, was du tust. So wirst du immer besser darin, dir bewusst klare Ziele zu setzen und die Reise in vollen Zügen zu genießen. Eine Fähigkeit, für die ich besonders in schwierigen Prozessen wie der Gründung einer eigenen Zen-Schule zutiefst dankbar bin.
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