Ein Zen-Klassiker darüber, wie wir in unserem Leben echte, verkörperte Erfahrungen machen.
5. Juni 2026
Liebe Zen-Freundinnen und Zen-Freunde,
vor dem Tempel von Meister Gutei bildeten sich regelmäßig lange Schlangen. Menschen aus der ganzen Region reisten an, um Zeugen seines berühmten „Ein-Finger-Zen“ zu werden: Auf jede Frage, die man dem Meister stellte, erhob er schweigend einen einzigen Finger.
Eines Tages fragte ein Reisender den jungen Diener des Meisters, warum all die Menschen hierherkämen. Daraufhin erhob der Junge stolz ebenfalls einen Finger. Als Gutei davon erfuhr, rief er den Jungen zu sich und fragte ihn nach der Essenz des Zen. Während der Junge wieder seinen Finger zeigte, zog Gutei blitzschnell ein Messer und schnitt ihn ab. Schreiend vor Schmerz lief der Junge weg. Gutei rief ihn zurück. Als der Junge sich umdrehte, sah er, wie Gutei seinen Finger erhob. In diesem Moment erlangte der Junge Erleuchtung.
Diese Geschichte mag im ersten Moment grausam wirken, doch im Zen versteht man Guteis Tat als befreiendes Geschenk. Der Junge hatte seinen Meister zu einem Ideal erhoben und dessen Geste bloß nachgeahmt, ohne die Tiefe dahinter selbst durchlebt zu haben. Erst als ihm dieses ungelebte Ideal genommen wurde, war er bereit für die echte, eigene Erfahrung.
Auch wir eifern oft Idealen nach. Doch solange diese Ideale nicht tief in uns verankert und durchlebt sind, ahmen wir – genau wie der Junge – oft nur eine Geste nach. Ideale entfalten erst dann ihre volle Kraft, wenn wir bereit sind, sie in unserem Leben zu verankern und zu durchleben.
Für meinen Zenblog habe ich diese Woche einen passenden Artikel von Zen-Meister Rients Ritskes übersetzt:
Ich wünsche euch eine schöne Woche.
Herzliche Grüße 🙏
Leonne
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