Von Leonne Boogaarts
In den ersten Jahren, in denen ich meditierte, brachte mir die Meditation viele Vorteile. Hartnäckige Verhaltensmuster, die mir immer wieder Probleme bereiteten, lösten sich auf, und die Welt um mich herum wurde immer schöner. Aber dann stellte sich ein unerwarteter Effekt ein.

Grundlos traurig
Eines Tages saß ich im Zazen ↗ und bemerkte eine tiefe Traurigkeit in mir. Ich hatte einen Kloß im Hals und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich konnte mir keinen Reim auf diese Erfahrung machen, denn es gab in dieser Zeit keinen Anlass, traurig zu sein – und grundlos traurig zu sein, ergab für mich keinen Sinn.
Doch die Traurigkeit kam in der nächsten Zazen-Runde wieder, und auch zu Hause meldete sie sich während fast jeder Meditation. Ich sprach mehrere Zenlehrer darauf an, die mir sagten, ich sollte der Traurigkeit keine weitere Beachtung schenken und einfach weitermeditieren. Das empfand ich jedoch nicht als befriedigende Antwort. Diese Traurigkeit war da, sie musste eine Ursache haben und irgendwie gelöst werden.
Während ich lange Zeit im Zazen lautlos vor mich hinheulte, spürte ich immer mehr Widerwillen gegen das tägliche Meditieren und beschloss letztendlich, damit aufzuhören.
Konzentration am Tiefpunkt
Dadurch war die Traurigkeit erst mal weg, dafür verschlechterte sich jedoch meine Konzentration rasant. Meine Produktivität schwand und die Arbeit fiel mir schwer. Ich vermisste den tieferen Fokus, den ich durch die Zen-Meditation antrainiert hatte. Ich holte mein Meditationskissen aus dem Keller und fing wieder an zu meditieren: zweimal täglich zwanzig Minuten konzentriert meinen Atem zählen.
Als ich mich nach langer Zeit ohne Meditation wieder auf mein Kissen setzte, kam auch die Traurigkeit zurück, nur interessierte sie mich jetzt nicht mehr. Ich brauchte dringend eine bessere Konzentration. Was kümmerte mich da diese Traurigkeit?
Plötzlich erschien mir ein Bild: Ich sitze vor einem großen Misthaufen. In Gedanken drehe ich den Kopf weg vom Misthaufen und schaue auf eine bunte, lebendige Wiese mit Kühen, Schmetterlingen und Blumen. Mir wurde schlagartig klar: Ich hatte die ganze Zeit, obwohl ich auf einer bunten Wiese saß, nur auf den Misthaufen gestarrt. Kein Wunder, dass mir das Meditieren immer mehr widerstrebte.
Das Prinzip Genjokoan
Gefühle und Gedanken kommen und gehen. Nur wenn wir uns dagegen wehren, sie begreifen oder lösen wollen, halten wir sie fest – und dann dominieren sie unser Leben. Das gilt nicht nur für Traurigkeit, sondern zum Beispiel auch für Stress. Je mehr wir unseren Stress loswerden wollen, desto präsenter wird er in unserer Wahrnehmung. Genau wie sich meine Traurigkeit immer wieder meldete. Da hilft es tatsächlich nur, diesen negativen Gefühlen keine zusätzliche Aufmerksamkeit zu schenken, sondern sie als Teil der ganzen Wirklichkeit zu betrachten, in der noch so viel anderes passiert.
Der berühmte Zenmeister Dogen benutzt dafür den Begriff Genjokoan ↗: eine Einladung, unsere natürliche Neigung loszulassen, unsere Wahrnehmung zu filtern, zu beurteilen und nach unseren Wünschen zu formen, und stattdessen die ganze Wiese zu betrachten.
Die Wirklichkeit, so wie sie sich uns offenbart, ist kein passiver Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, an dem wir unweigerlich beteiligt sind. Genjokoan ist ein aktives Konzept. Es fordert mich auf, aufzuhören, wie hypnotisiert auf den Misthaufen zu starren und zu versuchen, ihn aus meinem Leben zu verbannen. Meine Wiese braucht genau diesen Mist als Dünger, damit sie fruchtbar bleibt. Darum bedeutete Genjokoan in dem Moment für mich: Steh auf, es ist an der Zeit, den Mist auszufahren.
Dieser Artikel ist ein Impuls. Der wöchentliche Zenletter bietet dir regelmäßige Inspiration und praktische Einsichten für deinen Weg.
Inspiration für deinen Alltag
Möchtest du regelmäßig Zen-Impulse erhalten? Dann melde dich jetzt für unseren kostenlosen Zenletter an:
Wohnst du in Berlin? Die kostenlose Probestunde ist der ideale Einstieg in unseren Zen-Einführungskurs. Erfahre hier mehr
Mehr lesen:

Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
Hast du Fragen zum Artikel, möchtest du etwas kommentieren oder einfach mehr über Zen erfahren? Schreib mir eine E-Mail 📧– ich freue mich auf deine Nachricht und antworte dir gerne.😊
