Von Rients Ritskes
Zusammen mit einem Freund spaziere ich am frühen Abend über einen Waldweg. Es ist einer dieser warmen Vorherbstabende, an denen die Sonne alles in goldenes Licht taucht. In der Ferne erhebt sich ein Schloss, und wir beobachten aus der Distanz, wie im ersten Stock nacheinander die Fenster erleuchtet werden.

Ein Bild, zwei Geschichten
Bei diesem Anblick geht mir so einiges durch den Kopf. Ich muss unwillkürlich lächeln und male mir in Gedanken eine lange Tafel aus, die reichlich mit Speisen gedeckt ist, auf der Kerzen leuchten und die Gläser mit Wein gefüllt sind. Ich stelle mir vor, wie die Menschen an dieser Tafel in angeregte Gespräche vertieft sind. Bei dieser Vorstellung beginnt mein Magen leise zu knurren.
Mein Freund bemerkt es ebenfalls. Wir beobachten gemeinsam, wie die Vorhänge zugezogen werden, und ich höre ihn tief seufzen. Angesichts dieser Szene regt sich in ihm Wut. Er muss an die soziale Ungleichheit denken, an Menschen, die sich hinter dicken Mauern von der Außenwelt abschotten, während andere zur gleichen Zeit Hunger leiden. In seinen Augen ist das, was wir dort sehen, ein Sinnbild der Ungerechtigkeit.
Derselbe Wald, derselbe Abend, dasselbe Licht – und doch zwei völlig verschiedene Welten. Was ist hier der Unterschied? Nicht die Fakten. Nicht die Umgebung. Der Unterschied liegt im Gehirn.
Die Welt, wie sie mir gefällt
Wir geben uns gerne der Illusion hin, die Welt genau so wahrzunehmen, wie sie tatsächlich ist. Doch unser Gehirn folgt einer anderen Logik: Es gleicht die Gegenwart ständig mit dem ab, was es zu sehen erwartet. Jeder neue Eindruck wird in Sekundenbruchteilen mit bereits gespeicherten Erfahrungen verwoben.
Was wir erleben, wird keineswegs nur objektiv registriert – es wird in demselben Moment interpretiert, gefiltert und ergänzt. Mein Gehirn verknüpft das Bild des beleuchteten Schlosses mit Geborgenheit und Überfluss; das Gehirn meines Freundes hingegen verbindet dieselbe Szenerie mit Ausgrenzung und sozialer Ungleichheit. Denken und Sehen vermischen sich.
Wie wir Sehen und Denken vermischen
Erinnerungen und Erziehung, Erfolge und Enttäuschungen, tief verwurzelte Überzeugungen – all dies bildet zusammen einen inneren Rahmen, durch den wir die Welt betrachten. Dieser Rahmen bleibt für uns selbst meist völlig unsichtbar. Was wir am Ende wahrnehmen, ist vor allem unsere eigene Schlussfolgerung, während der komplexe Prozess, der ihr vorausgeht, im Verborgenen bleibt. Unser Gehirn arbeitet zwar hocheffizient, aber es ist niemals neutral.
Zen: die Freiheit des reinen Wahrnehmens
Zen-Meditation ist im Wesentlichen eine Übung in direkter und klarer Wahrnehmung. Man sitzt in Stille und nimmt einfach nur wahr, was geschieht: ein Geräusch, ein Gedanke, ein Gefühl, ohne das Wahrgenommene zu analysieren oder ihm zu folgen. Mit zunehmender Erfahrung entdeckt man, dass es stets zwei Ebenen gibt: Es gibt das, was tatsächlich geschieht, und es gibt das, was du daraus machst.
Da ist das bloße Licht hinter den Fenstern, da ist ein aufkommender Gedanke über Romantik oder Ungerechtigkeit, und da ist eine ganz unmittelbare Empfindung in deinem Körper.
Wenn du lernst, diesen feinen Unterschied zu erkennen, entsteht Raum. Es ist ein Raum, in dem du dich nicht länger automatisch mit der vermeintlichen Richtigkeit deiner ersten Interpretation identifizieren musst. Ein Raum, in dem du beginnst, deinen eigenen Filter als solchen zu erkennen. Und genau in dieser neugewonnenen Weite entsteht Freiheit.
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Rients Ritskes
Zen-Meister und Gründer von Zen.nl
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