Von Leonne Boogaarts
„Bist du noch da?“ „Ja, ich höre dir zu“, antworte ich meiner Tante. Ich habe mich daran gewöhnt, meine Rolle in unseren Gesprächen auf das bloße Zuhören zu reduzieren. Einmal im Monat ruft sie mich an. Das Gespräch beginnt mit der Frage: „Wie geht es dir?“, doch noch während ich Luft hole, um zu antworten, startet sie schon ihren Bericht über alles, was sie im letzten Monat erlebt hat.

Manchmal hält sie inne und überlegt kurz, ob sie etwas vergessen hat. Früher habe ich in solchen Pausen einen zweiten Versuch gewagt, ihre Anfangsfrage doch noch zu beantworten. Aber wenn sie meine Worte überhaupt zur Kenntnis nahm, dann nur mit einer gewissen Irritation darüber, dass ich sie in ihrem Fluss unterbrochen hatte. Unsere Gespräche endeten meist mit ihrer Feststellung, dass sie jetzt wohl alles gesagt hätte. Klick. Das Telefonat war beendet.
Zen und die Kunst des Zuhörens
Es gab Zeiten, da hat mich dieses völlige Desinteresse am Gesprächspartner empört. Warum ruft sie mich überhaupt an? Ich spielte mit dem Gedanken, ihr Telefonverhalten zu thematisieren, ließ es dann doch sein. Ich würde sie nur ärgern und es würde an ihrem Benehmen nichts ändern. Inzwischen sind die Anrufe meiner redseligen Tante erkenntnisreiche Zen-Übungen für mich, aus denen ich wichtige Einsichten gewonnen habe. Wenn ich ihre Nummer auf meinem Handy sehe, setze ich mich in meinen gemütlichen Sessel, lasse sie reden und übe mich in der Kunst des Zuhörens.
Anfangs wollte ich jedes Wort in mich aufsaugen. Ich machte mich leer und ließ ihren Wortschwall auf mich wirken. Das empfand ich als sehr anstrengend, und hinterher wusste ich eigentlich nicht mehr, was sie erzählt hatte. In meinem Kopf war ein riesiger, fast bedeutungsloser Wortbrei entstanden, dem ich kein einzelnes Geschehen zuordnen konnte. Ich wollte schon aufgeben und spielte mit dem Gedanken, ihre Anrufe einfach nicht mehr entgegenzunehmen. Aber so leicht gab ich mich nicht geschlagen.
Warum reines Zuhören nicht wirkt
So zeigte meine Tante mir ganz nebenbei, wie schwer es ist, wirklich zuzuhören. Daraufhin begann ich, auch anderen Menschen aufmerksamer zuzuhören. Ich versuchte, mich voll und ganz in meine Gesprächspartner hineinzuversetzen, stellte Fragen, um Näheres zu erfahren, aber auch, um das Gespräch am Laufen zu halten. Doch irgendwie fehlte mir die Verbindung. Es blieb immer dieses Gefühl der Einseitigkeit, das ich auch aus den Gesprächen mit meiner Tante kannte: „Bist du noch da?“ „Ja, ich höre dir zu.“
Bei meinen Versuchen, „richtig gut“ zuzuhören, entstanden manchmal peinliche Momente. Meine Gesprächspartner merkten nach einer Weile, dass sie schon lange nur über sich geredet hatten, und fragten mich dann eher pflichtschuldig: „Und dir? Wie geht es dir?“ Ich war dann vom vielen und intensiven Zuhören meist zu erschöpft, um das Gespräch noch fortzusetzen. Da wurde mir klar, dass meine Taktik des reinen Zuhörens sich nicht für echte Begegnungen eignet. Viele Menschen reden zwar gerne und lange über sich, wenn man sie lässt – bis ihnen die Einseitigkeit auffällt und eine unangenehme Situation entsteht. Ein echtes Gespräch braucht zwei Seiten.
Inzwischen faszinierte mich die Kunst des guten Zuhörens immer mehr: Wie kann ich durch Zuhören echte Verbundenheit herstellen? Ich versuchte und probierte so lange, bis ich den Schlüssel zum verbindenden Gespräch fand.
Stereohören
Um mich als aktiver Zuhörer am Gespräch zu beteiligen, kann ich natürlich nicht passiv bleiben: Zuhören ist Tun und ist inzwischen auch eine wichtige Zen-Praxis für mich geworden. Ich höre meinem Gegenüber aufmerksam zu, aber gleichzeitig spüre ich in mich hinein: Wie wirkt das Gesagte auf mich? Gefällt mir, was ich höre, oder irritiert es mich? Ich nenne es „Stereohören“.
Indem ich sowohl die Worte meines Gegenübers als auch ihre Wirkung in mir bewusst wahrnehme, entsteht durch das Stereohören ein Raum, in dem Sprache und Gefühl sich berühren. Wenn ich aus diesem Raum heraus antworte, kann ein dynamischer Austausch stattfinden. Genau an der Schnittstelle, wo der Verstand sich mit der Intuition verbündet, entsteht echte Begegnung.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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