Von Leonne Boogaarts
Ein Sesshin ↗ ist eine große Herausforderung für jeden Zen-Praktizierenden. In der konkreten Praxis heißt das: sechs lange Tage, an denen ich ungefähr acht Stunden meditiere. Vor allem die ersten drei Tage fühlen sich wie die Hölle an. Ab Tag vier geht es auf einmal viel besser. Nicht weil es körperlich leichter wird, sondern weil ich nicht mehr gegen die Herausforderungen ankämpfe.

Und genau das setzt enorme Kräfte frei. Ich ertrage das Ganze nicht nur leichter, sondern nehme die Welt in einer ungekannten Schärfe wahr. Ich sehe nicht mehr nur die Wiese, sondern jeden einzelnen Grashalm. Um mich herum herrscht eine schlichte, überwältigende Schönheit – und ich bin mittendrin.
Eine Frage verändert alles
Lange Zeit waren Sesshins für mich also eine Reise von der Hölle ins Paradies. Bis ich dem Zenmeister eines Tages im persönlichen Gespräch (Dokusan ↗) davon erzählte. Er schaute mich ruhig an und fragte: „Was könntest du tun, um dieses Sesshin von Tag eins an zu genießen?“ Seitdem genieße ich jedes Sesshin von Anfang an – und das gilt mittlerweile für jede Herausforderung, die ich angehe.
Was war geschehen? Wieso hatte diese Frage so einen Einfluss? Heute verstehe ich, dass die Frage meine feste Vorstellung herausforderte, dass die ersten drei Tage eines Sesshins die Hölle sind. Gleichzeitig eröffnete sie einen neuen Weg: die Möglichkeit, die Zeit stattdessen voll und ganz zu genießen. Beides sind zwar nur Vorstellungen, aber mit der zweiten lebt es sich viel leichter, zumindest während eines Sesshins.
Die eigenen Vorstellungen durchschauen
Es ist ein hartnäckiges Missverständnis, dass es im Zen darum geht, keine Gedanken zu haben. Das Gehirn ist eine Gedankenmaschine, die sich auch durch die Zen-Meditation nicht stoppen lässt. Sie wirkt wie eine Brille, die die Realität für uns einordnet und Handlungsweisen nahelegt. Ihr primäres Ziel ist die Sicherung unseres Überlebens, weshalb sie ständig nach potenziellen Bedrohungen sucht.
Die Zen-Meditation ermöglicht es uns jedoch, unsere Vorstellungen als bloße Produkte des Gehirns zu entlarven. Die Idee, dass die ersten drei Tage die Hölle sind, ist ein Hirngespinst – genau wie der Gedanke, dass man diese Zeit genießen kann. Beide entstehen im Gehirn, beide haben ihre Berechtigung. Der Unterschied ist nur: Der zweite Gedanke macht das Leben während eines Sesshins erheblich leichter. Und das gilt nicht nur da. Mit dieser Einsicht schaffen wir es auch, einen stressigen Alltag in eine produktive Zeit oder ein unangenehmes Gespräch in eine lehrreiche Erfahrung zu verwandeln.
Unser Denken prägt die Art und Weise, wie wir die Welt erfahren und wie wir handeln – und unser Handeln gestaltet die Welt, in der wir leben.
Zen und die Leere
Im Zen gehen wir davon aus, dass die Realität „leer“ ist (Sunyata ↗). Das bedeutet nicht, dass sie nicht existiert – oder dass in ihr keine Dinge existieren. Es bedeutet nur, dass die Dinge keine feste, innewohnende Bedeutung besitzen. Die Wirklichkeit ist ein offener Raum; erst unsere Konzepte und Urteile schreiben ihr eine Bedeutung zu. Das zu durchschauen, schenkt uns die Freiheit, Herausforderungen zu genießen, statt sie zu fürchten. Es befreit uns aus dem reinen Überlebensmodus.
Nirwana im Samsara
Zen ist kein positives Denken. Unser Gehirn ist kein Wohnzimmer, in dem wir einfach das Sofa gegen ein anderes austauschen können, um ein neues Raumgefühl zu erzeugen. Wir können uns auch nicht aus unserem Denken herausdenken. Aber durch Meditation können wir üben, die ständig quasselnde Gedankenmaschine zu beruhigen und zu verlangsamen, damit wir die Leere erfahren können.
Während der Meditation besteht die Chance, dass uns die „Denkbrille“ kurz von der Nase fällt. Dann sehen wir unsere Gedanken als das, was sie sind: flüchtige Hirngespinste. Erst das erlaubt uns, in der Hölle das Paradies zu finden. Oder wie wir es im Zen nennen: Nirwana ↗ im Samsara ↗.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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