Von Leonne Boogaarts
Der Wecker klingelt. Es ist Zeit aufzustehen. Ich spüre, wie mich meine Matratze und meine Bettdecke wohlig warm gefangenhalten. Es ist Donnerstag. Seit mehr als zwei Jahren schreibe ich jeden Donnerstag einen Artikel für meinen Zenblog. Heute ist Schreibtag.

Das Fenster steht offen, die Kälte des frühen Morgens strömt hinein. Die Vorstellung, wie jeden Morgen in diesem kalten Zimmer ohne Bettdecke auf meinem Meditationskissen Platz zu nehmen, ist wenig verlockend.
Philosophie unter der Bettdecke
Ich denke über das sogenannte Libet-Experiment nach. Es wirft die Frage auf, ob ich nun die freie Wahl zwischen Aufstehen und Liegenbleiben habe, oder ob in meinem Gehirn unbewusst bereits die Entscheidung getroffen wurde und ich nur noch die Ausführende dieser Wahl bin. Das Experiment löst noch immer heftige Diskussionen aus: Haben wir Menschen so etwas wie einen freien Willen? Bin ich in diesem Augenblick frei, eine Entscheidung zu treffen? Oder bin ich dazu verdammt, eine von meinem Willen unabhängige Abfolge von Ereignissen fortzusetzen?
Schluss mit der Philosophie! Ich stehe auf, schließe das Fenster, ziehe das Kissen unter meinem Bett hervor, starte meine Meditations-App und beginne zu meditieren.
Warum treffe ich diese Entscheidung? Vielleicht, weil ich vor dreißig Jahren meinen ersten Zen-Kurs besucht habe und seitdem fast jeden Morgen 20 Minuten meditiere. Es würde sich heute seltsam anfühlen, meinen Tag ohne Meditation zu beginnen.
Harmonie statt Disziplin
Meine Zazen-Methode ist derzeit das Susokukan ↗, das Zählen der Atemzüge. Während mein bewusstes Ich sich mit dieser einfachen Aufgabe beschäftigt, bekommt mein Unbewusstes den Raum, 20 Minuten lang einfach nur zu sein, ohne meine ständigen Kommentare. Es offenbart sich mir als die Quelle meiner Ängste und Sorgen, aber auch als der Ursprung meiner Lebensfreude.
Und genau hier wird mir klar: Es ist diese schlichte Praxis, durch die mein bequemes Unbewusstes und mein entschlossenes Bewusstsein Harmonie finden. Es bedarf keiner eisernen Disziplin mehr, um das zu tun, was ich für richtig halte. Unbewusstes und Bewusstes existieren friedlich nebeneinander und lassen einander Raum, sodass wir ohne große innere Kämpfe auskommen. Der Schlüssel zu einem weitgehend selbstbestimmten Leben.
Bedingte Freiheit
Tatsächlich sind all meine Entscheidungen eingebettet in die Situation, in die ich hineingeboren wurde, ohne selbst etwas dazu beigetragen zu haben. In eine Zeit, in der es in jeder größeren Stadt eine Zen-Schule gibt. In einer Familie, für die es erschwinglich war, mich in einer solchen Stadt studieren zu lassen. Bedingungen, die letztendlich dazu führten, dass ich mich für einen Zen-Kurs anmeldete und die eine jahrzehntelange Meditationspraxis auslösten.
Der Philosoph Peter Bieri, Experte auf dem Gebiet des freien Willens, spricht in seinem Buch „Das Handwerk der Freiheit“ über den bedingten freien Willen: Ja, wir sind konditioniert, aber innerhalb dieser Konditionierung haben wir Möglichkeiten, uns zu entscheiden. Letztendlich geht es darum, wie man sich zu seiner eigenen Konditionierung verhält.
Ich schreibe jetzt diesen Artikel zu diesem Thema, weil sich mein Bett heute Morgen im kalten Schlafzimmer so warm anfühlte und ich das Aufstehen mit einer Runde Philosophie über den freien Willen hinauszögerte. Ich bin trotzdem aufgestanden und habe das getan, was ich immer tue: mein Kissen unter dem Bett hervorzuziehen und zwanzig Minuten zu meditieren. Und während ich so dasitze und meinen Atem zähle, geht die Sonne hinter den Gebäuden auf. Sie erwärmt den Raum und taucht mich in ein warmes Lichtbad, das sich viel wärmer und angenehmer anfühlt als ein Bett, in dem man schon zu lange liegt. Mit Mühe aufstehen und von der Sonne erleuchtet werden – schöner kann ein Tag nicht beginnen. Was für ein Geschenk.
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Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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