Die Magie zwischen Ursache und Wirkung

Die Kraft der Telepathie

Mein Großvater war bekannt für seine überirdischen Fähigkeiten. Er konnte die Zukunft vorhersagen und anhand eines Fotos eines Menschen Krankheiten erkennen. Wesentlich ergiebiger war seine Fähigkeit, die nähere Zukunft zu beeinflussen. Er setzte sich dann auf seine Couch und konzentrierte sich auf das Geschehen, das er beeinflussen wollte. Deshalb wandten sich die Menschen zu ihm, wenn sie vor wichtigen Prüfungen standen. Dafür verlangte er jedoch, damals noch zehn Gulden. Für mich als seine Enkelin waren seine überirdischen Dienste gratis; ein Anruf genügte und ich konnte mir sicher sein, nicht durch die Prüfung zu fallen. Weil ich es natürlich nicht nur auf meinen Großvater ankommen ließ, büffelte ich mich auch durch den Lernstoff. In dieser Zeit schaffte ich alle meine Prüfungen, und bekam schon nach der ersten Fahrprüfung meinen Führerschein. 

Illustration des Philosophen David Hume, der den Zusammenstoß zweier Billardkugeln beobachtet. Ein aufsteigendes Fragezeichen zwischen den Kugeln symbolisiert die philosophische Skepsis an der direkten Wahrnehmbarkeit von Ursache und Wirkung.
Humes Skepsis am Billardtisch: Wir sehen die Abfolge der Ereignisse, aber die Ursache selbst bleibt unsichtbar.

Magie oder doch lieber Büffeln?

Wenn man mich fragt, was jetzt der ausschlaggebende Faktor war, neige ich dazu, mich für das Büffeln zu entscheiden. Trotz der Fähigkeiten meines Großvaters prägten meine Eltern mir immer wieder ein: Wenn du jetzt deine Hausaufgaben machst, wirst du später einen guten Job bekommen. Die Kopplung späterer Erfolge an meinen individuellen Einsatz ist mir also schon in der Erziehung mitgegeben worden. Und damit hatten sie nicht unrecht.

Kausalitäten geben uns nicht nur Halt in einer Welt voller Unsicherheiten, sondern haben im Wesentlichen zum Überleben der Menschheit beigetragen: Wer im Frühling Korn sät, kann im Herbst ernten, und hat genügend Vorräte, um es durch den Winter zu schaffen. Das gilt auch für die vom ungarischen Arzt Ignaz Semmelweis entdeckte Kausalität: Wenn man erst die Hände wäscht, bevor man einen Patienten behandelt, wird die Chance, dass er überlebt, größer.

Humes Billardkugeln erzählen eine andere Geschichte

„Nein!“, hält uns der schottische Philosoph David Hume (1711–1776) fehement entgegen. Er hat die vermeintliche Relation zwischen Ursache und Wirkung eingehend anhand aneinandertreffender Billardkugeln untersucht, konnte darin jedoch keine Gesetzmäßigkeit erkennen. Er nahm zwar immer wieder wahr, dass die Kugel A sich bewegt, gegen die Kugel B stößt und sich auch diese dann bewegt, konnte jedoch auf Basis dieser Wahrnehmung nicht die Gesetzmäßigkeit ableiten, dass dieser Ablauf zwingend stattfinden wird. Genau wie wir jeden Morgen sehen, wie die Sonne aufgeht, und daraus das Gesetz ableiten, dass sie in aller Ewigkeit aufgehen wird. Und die Wissenschaft gibt ihm recht: Erstens geht die Sonne gar nicht auf, aber auch die Illusion der aufgehenden Sonne, wird sich ungefähr noch 5 Milliarden Jahre halten – lange, jedoch nicht ewig.

Kausalitäten sind immer zu hinterfragen, auch dann, wenn sie scheinbar funktionieren. Wenn ein Arzt im weißen Kittel einem leidenden Patienten ein Mittel verschreibt und dabei versichert, dass es ihm schnell helfen wird, dann ist die Chance groß, dass der Patient sich schnell besser fühlt. Das funktioniert oft auch mit einer Zuckertablette. Beim sog. Placebo-Effekt ist es eher das Ritual des Vorschreibens als die Pille, die die Heilung vorantreibt, obwohl es Menschen gibt, bei denen dieser Effekt nicht eintritt. Da hat Hume einen Punkt: Wir sollten nicht vorschnell aus sich immer wiederholenden Vorgängen, den Schluss auf eine logische Gesetzmäßigkeit ziehen.

Die Entdeckung des Zenmeisters Dōgen

Im Zen wird davon ausgegangen, dass jeder erleuchtet ist. Der Zenmeister Dōgen Zenji (1200–1253) fragte sich, warum wir denn meditieren sollten, um etwas zu erreichen, was wir schon längst sind. Nach langem Suchen lautete seine bahnbrechende Antwort: Wir sind alle schon erleuchtet, doch diese manifestiert sich nur in der Meditation. Ursache und Wirkung (Meditation und Erleuchtung) sind nicht zwei verschiedene aufeinanderfolgende Ereignisse, sondern beide in diesem Moment anwesend, und ob sie sich letztlich manifestiert, hängt von den Voraussetzungen ab: Meditieren wir oder nicht … 

Es handelt sich hier um einen scheinbar theoretischen Perspektivwechsel – von „Wenn A, dann B“ zu „A ist B“ – jedoch mit tiefgreifenden Konsequenzen für die alltägliche Praxis.

Wenn ich vor einem Examen stehe, sind im Potenz beide Ergebnisse schon da: Ich kann scheitern oder Erfolg haben. Welche sich manifestiert, hängt von den Voraussetzungen ab. Ich kann mich gut auf die Prüfung vorbereiten und meinen Großvater anrufen. Aber es gibt noch andere Voraussetzungen: Die Prüfung kann überhaupt nicht stattfinden oder unerwartet schwierig sein, der Raum kann zu kalt oder zu warm sein, sodass ich mich nicht konzentrieren kann. Durch uns, auf eine lineare Kette von Ursache und Folge zu fixieren, entgeht uns einiges. 

Scheitern oder Erfolg – kein Ego-Ding

Wir können Einfluss auf unsere Zukunft nehmen, indem wir die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen – wohl wissend, dass unzählige andere Faktoren, die wir nicht kontrollieren, das Ergebnis mitbestimmen. Die Fixierung auf die reine „A-führt-zu-B-Kausalität“ kettet unser Versagen direkt an unser persönliches Handeln und macht jeden Misserfolg zu einem Versagen des Egos. Das ist die Konsequenz unseres westlichen Leistungsdenkens: Wer es nicht schafft, hat sich nicht genug angestrengt. Diese gnadenlose Logik wenden wir nicht nur auf uns selbst an, sondern auch auf andere: Wer krank oder arm ist, ist „selbst schuld“. Sich von dieser linearen Perspektive zu lösen, ist ein Akt der Befreiung. Wir erkennen, dass ein Scheitern nie unser Scheitern allein ist – und auch unsere Erfolge nie uns allein gehören.

Auch das Engagieren meines Großvaters war keine Garantie für Erfolg. Oft kamen die Menschen, die gerade durch eine Prüfung gefallen waren, zu ihm und beschwerten sich. Mein Großvater entschuldigte sich dann. Er hatte ganz vergessen, an sie zu denken, und gab ihnen fairerweise die zehn Gulden zurück.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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