Das Spiel mit dem Scheitern

Es war die totale Katastrophe: Überall Staus, die Geschäfte konnten nicht mehr beliefert werden und Händler verließen die Stadt. Auf der Autobahn kam der Verkehr komplett zum Erliegen, sodass es kein Durchkommen mehr gab. Bürger wurden arbeitslos und zogen weg. Andere gerieten durch den Lärmstress in Bedrängnis und landeten im Krankenhaus.

Buntes, gezeichnetes Brettspiel einer Stadt mit Straßen und Würfeln als Symbol für das spielerische Lösen von Problemen.

Ich suchte jedoch konzentriert nach Lösungen: Einkaufszentren an den Rand verlegen, die Infrastruktur komplett umkrempeln. Und nach viel Ausprobieren und Scheitern erwachte die Stadt schließlich wieder zum Leben.

Vor langer Zeit spielte ich an Samstagnachmittagen das Computerspiel SimCity, in dem man eine Stadt wachsen lassen und die Logistik immer wieder optimieren muss. Aber die Sims machten ausnahmslos etwas anderes als erwartet, sodass eine Krise auf die nächste folgte.

Weil dieses fesselnde Spiel letztlich einfach zu viel Zeit verschlang, habe ich damit aufgehört. Aber es fasziniert mich bis heute: Wie konnte ich mich an einem Samstagnachmittag mit voller Hingabe Problemen widmen, die mich im echten Leben zur Verzweiflung bringen würden? Jedes gelöste Hindernis erzeugte sofort neue Probleme.

Die Mittel zum Ziel

Eine meiner Überlegungen war, dass der Unterschied zwischen einem Spiel und dem Alltag größtenteils im Verhältnis von Ziel und Mittel liegt. Ein echter Bürgermeister möchte gar keine Verkehrsprobleme lösen, sondern schlicht wiedergewählt werden. Die Probleme sind nur lästige Hindernisse auf dem Weg dorthin. In der realen Welt liegt das eigentliche Ziel meist außerhalb der Problemlösung selbst – sei es Existenzsicherung, Status oder Macht.

Unser Handeln in der Realität bezieht seinen Wert selten aus der Aufgabe selbst, sondern aus dem übergeordneten Ziel dahinter. Das konkrete Resultat – wie ein funktionierender Verkehrsfluss – ist nur Mittel zum Zweck. Deshalb streben wir danach, dieses Ergebnis auf dem schnellsten und leichtesten Weg zu erreichen. Scheitern bedroht schließlich nicht nur das Projekt, sondern genau das, worum es uns im Kern geht: unsere Existenzsicherung, unseren Status oder unsere Macht.

Spiel und Hindernis

In einem Spiel lebt die Erfahrung hingegen genau vom Hindernis. Beim Fußball versuchst du, einen Ball ins gegnerische Tor zu schießen. Du könntest es dir leicht machen, indem du die Gegner wegrationalisierst, dich vor ein leeres Tor stellst und einen Ball nach dem anderen versenkst. Ein Rekordergebnis ist garantiert, jedoch verschwinden im selben Moment auch Spannung und Spielfreude. Im Spiel tritt das eigentliche Ziel – Tore zu schießen – hinter die Freude am Prozess samt seinen Hindernissen zurück.

Eine wichtige Erkenntnis war, dass das Spiel unseren Umgang mit Rückschlägen und dem eigenen Scheitern transformiert. Natürlich ärgern wir uns auch in einem Spiel, wenn wir verlieren, aber dieser Frust ist von einer anderen Qualität.

Im Alltag reagieren wir defensiv auf das eigene Scheitern. Es geht nicht um die Sache selbst, sondern um übergeordnete Ziele wie Status und Anerkennung. Liefert ein Kollege einen deutlich besseren Bericht ab, suchen wir lieber nach schnellen Abkürzungen – etwa indem wir die KI nutzen – oder reagieren mit Frust, anstatt unsere eigenen Fähigkeiten zu schärfen.

Im Spiel hingegen entfacht die Niederlage den Ehrgeiz, an den eigenen Fähigkeiten zu feilen: Wir wollen schneller werden, präziser treffen oder strategischer denken. Während die Fixierung auf das Ergebnis im Alltag oft Widerstand erzeugt, lenkt das Spiel unsere Aufmerksamkeit auf den Prozess.

Das ultimative Spiel ohne Gewinn

Auch mein tägliches Zazen ist ein Spiel, in dem die Ziellosigkeit zum Ziel wird und es deshalb nichts zu gewinnen oder zu verlieren gibt. Einfach nur sitzen und mit voller Aufmerksamkeit beim Prozess sein, wie er sich im Hier und Jetzt vollzieht: aufkommende Gedanken, Ungeduld, Unruhe oder Unbehagen – aber auch wohlige Entspannung und verlockende Tagträume. In diesem Spiel geht es schlicht darum, die Aufmerksamkeit immer wieder zurück auf den Atem zu lenken.

Damit kultivieren wir im Zazen eine zutiefst spielerische Lebenshaltung: Völlig frei von Gewinnstreben zählt nur noch der Prozess. Erfolg und Scheitern sind keine Kategorien mehr, die uns beglücken oder frustrieren, sondern schlicht Situationen, auf die es zu reagieren gilt.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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