Von Leonne Boogaarts
Heute leben wir mitten in mehreren Krisen: gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ökologischen. Die Folgen – von Inflation bis hin zu Existenzunsicherheit – sind unmittelbar spürbar. Auch wer nicht direkt betroffen ist, macht sich Sorgen: Werden wir uns nächstes Jahr noch über Wasser halten können? Diese Sorgen sind real, und ich teile sie.

Als Zenlehrerin fragte ich mich diese Woche, wie Zen in einer Krise helfen könnte. Dabei kam ich leider zu der Erkenntnis, dass wir eine Krise nicht einfach wegmeditieren können. Zen ist kein spiritueller Schutzraum, keine Methode, um die raue Realität auszublenden, wenn sie unbequem wird. Doch was hat Zen uns eigentlich zu bieten, wenn der Boden unter unseren Füßen ins Wanken gerät? Ich beschloss, dieser Frage nachzugehen, und landete im mittelalterlichen China.
Die Zerstörung des Buddhismus in China
Im 9. Jahrhundert nahm die Rinzai-Tradition, der auch Zen-Meditation Berlin folgt, ihre endgültige Form an. Während sich der traditionelle Buddhismus in China im Laufe der Jahrhunderte zu einer mächtigen Institution mit enormem Reichtum und Einfluss entwickelt hatte, bildete sich parallel dazu eine stark vom Taoismus beeinflusste Gegenbewegung: der Chan-Buddhismus, der starre Hierarchien, religiöse Dogmen und die Verehrung von Heiligenbildern ablehnte.
Die Blütezeit des Buddhismus in China fand im Jahr 845 durch die Huichang-Verfolgung ein jähes Ende. Diese war von krudem Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit gegen alles geprägt, was als nicht-chinesisch galt. Tausende Klöster wurden dem Erdboden gleichgemacht. Hunderttausenden Mönchen und Nonnen wurde verboten, ihre spirituelle Praxis auszuüben. Buddha-Statuen aus Bronze, Gold und Silber wurden zu Münzen eingeschmolzen.
Während sich die traditionellen, scholastischen buddhistischen Schulen von diesem Schlag nicht mehr erholten, erreichte die Zen-Schule in den Jahrzehnten danach unter Meister Linji Yixuan ihre endgültige, ausgereifte Form. Da diese Tradition nicht auf alte Schriften oder große Buddha-Statuen angewiesen war, konnte sie die Praxis schnell wieder aufnehmen. Sie entwickelte sich zu der reichen Zen-Tradition weiter, die sich im 13. Jahrhundert auch in Japan etablierte und vor etwa hundert Jahren ihren Weg in den Westen fand.
Warum überlebte Zen diese Krise?
Die Zen-Tradition hängt nicht an äußeren Formen – seien es nun Buddha-Statuen, heilige Schriften oder beeindruckende Tempel. Ihre zentrale Lehre wurzelt im Grundsatz: Form ist Leere, Leere ist Form. Eine Krise ist im Grunde nichts anderes als eine Zeit, in der sich die vertrauten Formen radikal verändern.
Linji lehrte seine Schüler Prinzipien, die die Rinzai-Tradition bis heute prägen: die kompromisslose Loslösung von religiösen Konzepten und eine völlige Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlichem Status. Sein berühmter Ausspruch „Wenn du dem Buddha begegnest, töte den Buddha“ ist daher kein Aufruf zur Gewalt, sondern die Weigerung, sich an spirituelle Idealbilder zu klammern. Solche Fixierungen und Doktrinen bezeichnete er als „Pfähle, an denen man Esel festbindet“.
Den erleuchteten Menschen nannte er stets den „wahren Menschen ohne Rang und Stand“ – ein Individuum, das sich seine innere Freiheit nicht durch Status, Besitz oder komfortable Lebensumstände einschränken lässt. Erst wenn du aufhörst, einem idealen, stress- und angstfreien Leben – oder gar der Erleuchtung – hinterherzujagen, entdeckst du die nackte, unzerstörbare Freiheit, die schon immer in dir vorhanden ist.
Ohne Rang und Stand in der Krise
Die Zen-Praxis ist keine Flucht vor der Realität, sondern eine Übung in Loslösung und geistiger Flexibilität. Zen verlangt nicht, dass wir jeden Besitz oder Komfort abwerfen, sondern lehrt uns, nicht krampfhaft daran festzuhalten. Gerade diese Fixierung auf scheinbare Sicherheiten und vergängliche Formen ist die Quelle unseres Stresses und unserer existenziellen Sorgen in Krisensituationen.
Das Lösen dieses Griffs wirkt bedingungslos befreiend. Es eröffnet ein tiefes, unerschütterliches Vertrauen, dass du in der Lage bist, jede Situation – wie trostlos oder ungewiss sie auch sein mag – zu tragen. Das ist die wahre Bedeutung des „Menschen ohne Rang und Stand“: ein Individuum, das nicht länger durch die Situation definiert oder gelähmt wird. Gerade weil du die Angst vor Veränderung durchschaut hast und es wagst, die Realität unvoreingenommen anzuerkennen, stehst du mit leeren, offenen Händen im Leben. Frei von Ballast, wachsam im Jetzt und vollkommen gerüstet, um angemessen, kreativ und verbindend auf alles zu reagieren, was sich dir bietet.
Dieser Artikel ist ein Impuls. Der wöchentliche Zenletter bietet dir regelmäßige Inspiration und praktische Einsichten für deinen Weg.
Inspiration für deinen Alltag
Möchtest du regelmäßig Zen-Impulse erhalten? Dann melde dich jetzt für meinen kostenlosen Zenletter an:
Wohnst du in Berlin? Der Zen-Einführungskurs ist der ideale Einstieg in die Zen-Meditation. Erfahre hier mehr
Mehr lesen:

Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
Hast du Fragen zum Artikel, möchtest du etwas kommentieren oder einfach mehr über Zen erfahren? Schreib mir eine E-Mail 📧– ich freue mich auf deine Nachricht und antworte dir gerne.😊
