Nichtstun – die produktivste Antwort auf Stress

Es gibt viel zu tun, und es wird schwer, heute noch alles zu schaffen. An diesem Morgen ist mir irgendwie nicht nach Meditieren. Ich spüre den Stress des vollgepackten Tages. Und dieses Gefühl möchte ich so schnell wie möglich loswerden, indem ich mich sofort an den Schreibtisch setze und anfange, das zu erledigen, was mir jetzt ein ungutes Gefühl bereitet.

Detaillierte Sumi-e-Tuschzeichnung einer traditionellen asiatischen Tempelglocke, die an einem aufwendig geschnitzten Holzgestell mit Drachenmotiven hängt, auf weißem Hintergrund.

Der Drang, vor den Gefühlen wegzurennen

So wie wir Menschen eben sind: Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, wollen wir sofort handeln. Wir möchten uns nicht mit unangenehmen Gefühlen auseinandersetzen. Lieber rennen wir los und machen irgendwas, nur um sie zu vertreiben. Kein Wunder also, dass mir heute nicht nach Meditieren zumute ist.

Die Weisheit des Holzschnitzers Qing

Ich muss an eine Parabel aus dem Zhuangzi denken, in der der Holzhandwerker Qing den Auftrag bekommt, für den Fürsten einen Glockenständer zu schnitzen. Anstatt sich aufgeregt auf die Arbeit zu stürzen, erklärt der Holzschnitzer ruhig: „Wenn ich einen Glockenständer anfertige, lasse ich niemals zu, dass diese Aufgabe meine Energie aufzehrt.“ Um seine Kräfte zu wahren, hält er erst einmal inne und fastet.

Er erklärt das so: „Nach drei Tagen Fasten vergesse ich jeden Gedanken an Belohnung und Anerkennung. Nach fünf Tagen verschwende ich keinen Gedanken mehr an Lob oder Tadel, an Geschick oder Ungeschick. Und wenn ich sieben Tage gefastet habe, bin ich so still, dass ich vergesse, dass ich vier Gliedmaßen und einen Körper habe.“ In diesem Moment gibt es kein „Ich“ mehr, das etwas erreichen oder beweisen muss.

Befreit von diesem drängenden „Ich“ geht er in den Wald und findet genau den Baum, der den Glockenständer bereits in sich trägt. Das eigentliche Schnitzen geschieht danach fast wie von selbst. So erschafft er mühelos ein Meisterwerk, das von jedem bewundert wird.

Jahrtausendalte Burn-out-Prävention

Mir wird klar: Der Stress, den ich fühle, entspringt meiner Befürchtung, meinen Aufgaben nicht gerecht zu werden. Oder in den Worten des Zhuangzi: Ich mache mir zu viele Gedanken über Geschick oder Ungeschick – also darüber, nicht alles zu schaffen oder nicht gut genug zu erledigen.

Diesen Zustand löse ich nicht, indem ich mich heute sofort an meinen Schreibtisch setze und loslege. Diese Arbeitsweise kostet eine Menge Energie, die dann nicht in meine Arbeit fließt. Die Folge: Am Abend bin ich erschöpft und habe meine Aufgaben doch nur mittelmäßig erledigt.

Wer in diese Hektikfalle gerät, steuert unmittelbar auf einen Burn-out zu. Denn jeder Versuch, durch noch mehr Arbeit gegenzusteuern, zieht einen nur tiefer in diesen Teufelskreis. Hier sollten wir uns Qings Rat zu eigen machen: Lass niemals zu, dass die Aufgabe deine Energie aufzehrt.

Der taoistische Großmeister Zhuangzi verstand somit bereits vor 2300 Jahren die tiefe Ursache dessen, was wir heute Burn-out nennen.

Die Entscheidung für die Stille

Die Geschichte des Holzschnitzers Qing illustriert das taoistische Konzept des Wu-Wei , was Nicht-Handeln oder Handeln ohne Anstrengung bedeutet und auch im Zen eine wichtige Rolle spielt. Wenn wir uns das zu eigen machen könnten, könnten wir Großes schaffen – wie einen wunderschönen Glockenständer – ohne jeglichen Stress. Die Arbeit erledigt sich quasi von selbst, weil wir mit dem Leben arbeiten, anstatt uns durch einen uns selbst auferlegten Leistungsdruck in unproduktiver Hektik zu verlieren.

Ich entscheide mich an diesem Morgen also dafür, das Meditieren nicht auszusetzen. Der Schreibtisch mit all seinen unerledigten Aufgaben kann warten. Ich werde nicht zulassen, dass sie meine Energie aufzehren.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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