Von Rients Ritskes
Die Kraft der inneren Stille
Als ich elf Jahre alt war, starb mein kleiner Bruder Klaas Theo. Seinem Tod gingen mehrere Jahre des langsamen Verfalls voraus; er litt an einer seltenen Muskelerkrankung.

All das hinterließ tiefe Spuren in mir und meiner Familie. Nicht nur wegen des langsam fortschreitenden, zermürbenden Krankheitsverlaufs und des Verlusts selbst, sondern auch wegen des Drucks, der dadurch auf unserer Familie lastete.
Nach seinem Tod gab es in unserer Mittelstandsfamilie kaum Raum für Trauer. Trauerbewältigung war damals noch kein Thema, schon gar nicht für Kinder. Der Schmerz wurde getragen, nicht besprochen. Das Leben ging weiter, aber in mir blieb alles unruhig. Dieses Trauma hat mich viel gekostet, aber vielleicht noch mehr gebracht.
Im Nachhinein erkenne ich, wie tief es sich in meinem Körper und Geist festgesetzt hat. Ich war innerlich zutiefst unruhig. Ich weinte nicht, aber die Trauer stand mir bis zum Hals. Gesundheitsbeschwerden und ein ständiges Gefühl der Alarmbereitschaft prägten mein Leben. Ich funktionierte zwar, aber selten ohne Anspannung.
Der Weg zur Stille
Es war diese Unruhe, die mich sieben Jahre nach dem Tod meines Bruders zur Meditation brachte. Nicht aus besonderem Interesse am Spirituellen – auch wenn dieses durchaus vorhanden war –, sondern in erster Linie aus purer Not.
Durch zweimal täglich zwanzig Minuten Meditation fand ich diese Ruhe, und das überraschend schnell. Einfach, indem ich nichts lösen musste, an nichts Bestimmtes denken musste, sondern nur dasaß und meinem Atem folgte. Ich lernte wieder, mich zu entspannen, ohne ständig auf der Hut zu sein.
Trauma und Stärke
Heute, fast sechzig Jahre später, lese ich mit großem Interesse die wissenschaftliche Literatur über Kindheitstraumata. Was mir dabei auffällt, ist die Doppelnatur dieser Erfahrung. Viele Studien zeigen seit Jahren einen starken Zusammenhang zwischen Kindheitstraumata und einem weniger erfolgreichen, oft unglücklichen Leben. Dieser Zusammenhang ist wissenschaftlich gut belegt.
Doch neuere Studien beschreiben auch eine andere Seite: Dieselben traumatischen Kindheitserfahrungen können zu Eigenschaften führen, die zum Erfolg beitragen – Durchhaltevermögen, Verantwortungsbewusstsein, Scharfsinn und Selbstständigkeit.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Mein Trauma hat mich letztendlich nicht gebrochen. Es hat mich tief getroffen, aber auch stark motiviert, nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Zugleich sensibilisierte es mich für das, was wirklich zählt: eine Wachsamkeit für das, was schiefgehen kann, und den inneren Antrieb, Dinge zu verstehen. Es entwickelten sich Resilienz und ein starkes Durchhaltevermögen.
Diese Eigenschaften haben zweifellos zu meiner Laufbahn beigetragen, in der ich in den letzten vierzig Jahren so viele Menschen in ihrer Entwicklung unterstützen durfte. Aber für viele andere, die durch Kindheitstraumata diese Kräfte entwickelten und erfolgreich wurden, war der Preis hoch: Es drohen Erschöpfung und Burn-out. Erfolg bringt keine Ruhe, geschweige denn Glück.
Zen hingegen schenkte mir Ruhe ohne Betäubung, Resilienz ohne Verleugnung und Talententwicklung ohne Erschöpfung. Nicht durch die Analyse der Vergangenheit, sondern durch die direkte Erfahrung der Gegenwart.
Keine Therapie
Rückblickend bin ich froh, dass es für mich keine Trauertherapie gab. Nicht, weil Therapie falsch wäre – im Gegenteil. Sie hätte vielleicht die gesundheitlichen Schäden, die ich erlitten habe, begrenzen können. Aber Meditation brachte und bringt mir mehr als nur Verarbeitung.
Zen-Meditation passte zu mir. Keine Betonung des Wiedererlebens, keine Tränen, keine Zeichnungen, keine Erklärungen, keine Opferrolle. In dem Meditationskurs für Anfänger lernte ich schlicht, stillzusitzen – und das war schon schwer genug. Doch diese Mühe wurde belohnt. Bald spürte ich mehr Ruhe und Raum in mir.
In der Therapie liegt die Bestätigung des Leidens manchmal nahe. Das kann heilend wirken, aber auch fixierend. Meditation gab mir Ruhe und Kraft. Nicht, indem ich meinen Schmerz leugnete, sondern indem ich lernte, mit ihm zu sitzen. Die Mühe, die ich anfangs hatte, um stillzusitzen, war eigentlich die Mühe, die ich mit mir selbst hatte. Das erkenne ich heute bei fast allen, die mit dem Meditieren beginnen.
Der Geist wurde ruhiger, der Körper entspannte sich. Von dort aus konnte der traumatische Verlust seinen Platz finden – ohne Drama, ohne Eile. Das Wiedererleben kam zwar, aber erst Jahre später, als ich genug inneren Raum dafür hatte.
Zen als Training
Zen-Meditation ist keine Therapie und keine Trauma-Intervention. Es ist mentales Fitnesstraining. Eine Übung darin, präsent zu sein bei dem, was gerade passiert, ohne sofort zu reagieren. Für jemanden mit einem Kindheitstrauma ist das schwierig. Stille kann konfrontierend sein. Nichtstun wird als bedrohlich empfunden.
Genau deshalb funktioniert Zen. Nicht, weil es einfach ist, sondern weil das Meditieren dem Nervensystem etwas Neues beibringt: dass dieser Moment erträglich ist, dass Spannung nicht sofort aufgelöst werden muss und dass Ruhe keine Gefahr bedeutet.
Was ich in mir selbst beobachtet habe, sehe ich auch bei anderen. Die durch das Trauma entwickelte Getriebenheit und Hypervigilanz verschwinden nicht einfach durch Meditation. Diese Kompetenzen bleiben bestehen, aber der unkontrollierte Zwang zum Handeln nimmt ab. Erfolg wird weniger zu einer Überlebensstrategie und mehr zu einem Ausdruck dessen, was ist.
Wissenschaft als Bestätigung, nicht als Erklärung
Die aktuelle wissenschaftliche Literatur bestätigt für mich etwas, das ich bereits aus Erfahrung wusste. Traumata können Eigenschaften verstärken, die gesellschaftlich geschätzt werden und zu Erfolg führen. Aber ohne innere Ruhe führt dieser Erfolg selten zu Glück.
Zen ermöglicht es, Wachsamkeit und Energie zu bewahren und gleichzeitig Schaden an der eigenen Seele zu vermeiden. Rückblickend wage ich heute zu sagen, dass mir mein Kindheitstrauma – weil ich letztendlich konsequent beim Meditieren geblieben bin – mehr gebracht als gekostet hat. Nicht weil das Trauma „gut“ war, sondern weil es mich auf einen Weg gebracht hat, den ich sonst vielleicht nie eingeschlagen hätte.
Zen-Meditation hat sich für mich als weit mehr erwiesen als nur eine Lösung für meine Probleme. Es ist ein Lebensweg. Ein Weg, auf dem Erfolg nicht abgelehnt, aber auch nicht überhöht wird. Auf dem Resilienz entsteht, ohne dass dabei die Sanftheit verloren geht. Auf dem persönlichen Glück nicht als Ziel angestrebt wird, sondern sich als stilles Nebenprodukt der Achtsamkeit einstellt.
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Rients Ritskes
Zen-Meister und Gründer von Zen.nl
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