Der Stein der Weisen

Wenn Pflastersteine sprechen

Jede Woche sitze ich auf meinem Kissen – virtuell verbunden mit dem Zendo von zen.nl Nimwegen. Ich lebe in Berlin, schalte mich aber via Meet live zum Unterricht dazu. Auch das Koan-Studium läuft modern über WhatsApp. An eines dieser Koans habe ich eine besonders lebendige Erinnerung: Was sagt der Stein der Weisen?

Minimalistische Tuschezeichnung: Ein loser Berliner Pflasterstein liegt abseits der Reihe. Symbolbild für das Zen-Koan „Stein der Weisen“.
Wie du durch genaues Zuhören sogar einen Pflasterstein zum Leben erweckst.

Die Suche im Berliner Grau

Ich laufe durch die Straßen und denke an mein neues Koan: „Was sagt der Stein der Weisen?“ Mein Zen-Lehrer empfiehlt mir, für diese Übung einen echten Stein zu suchen, der mich anspricht. Aber es ist Dezember. In Berlin setzt die Dämmerung schon um drei Uhr nachmittags ein. Es ist nicht die Zeit, um im Wald nach einem ästhetischen Naturstein zu suchen. Wo finde ich also einen geeigneten Stein in der Stadt?

Da, schau mal! Mitten auf dem Gehweg liegt ein viereckiger Pflasterstein. Er hat sich irgendwie aus der Reihe gelöst, die die Grenze zwischen Bürgersteig und Hauswand markiert. Ein Rebell aus Granit. Etwas zögerlich stecke ich ihn in meine Jackentasche. Darf man in Berlin einfach einen Pflasterstein mit nach Hause nehmen?

Als ich am Abend meditiere, liegt der Stein neben mir auf meiner Meditationsmatte. Bei jedem Ausatmen stelle ich innerlich die Frage: „Was sagt der Stein der Weisen?“

Nach dem Meditieren nehme ich ihn in die Hand. Wo kommst du her? Irgendwann muss er, perfekt quadratisch, aus einem Fels gehauen worden sein. Wo war das? Wann? Von wem? Der Stein wirft die Fragen zurück: Aus welchem Felsen bist du gehauen? Als ich ihn am nächsten Tag im Tageslicht betrachte, entdecke ich mysteriöse Farbschattierungen, grobe und feine Stellen. Spuren eines Lebens, von denen auch ich nicht immer weiß, wann und wo ich sie mir zugezogen habe.

Die Kunst des Zuhörens

Täglich meditiere ich zweimal zwanzig Minuten und höre dem Stein zu. Auch außerhalb des Zazen habe ich ihn bei mir. Er liegt auf meinem Schreibtisch, während ich arbeite. Wenn ich rausgehe, trage ich ihn in meiner Jackentasche. Oft projiziere ich meinen inneren Dialog auf ihn: „War doch ein netter Abend, oder?“ Und er antwortet: „Ja, ganz gemütlich, aber das Essen hätte besser sein können.“

Manchmal wirft der Stein einen interessanten Gedanken zurück, den ich dann im persönlichen Gespräch (Dokusan ↗) mit meinem Lehrer als Antwort präsentiere. Rients nickt mir über den Handybildschirm ermutigend zu – und rät mir, noch besser zuzuhören.

Nach Wochen des intensiven Lauschens steigt während der Meditation ein Gefühl auf. Es scheint durch den Stein Worte zu finden. Ein Gedanke wie ein Widerhall aus einer Tiefe, in der normalerweise keine Gedanken entspringen. Diesen „Gefühlsgedanken“ gebe ich im nächsten Gespräch als Antwort auf das Koan. Die Antwort wird akzeptiert. Ich bekomme das nächste Koan: Tun oder nicht tun?

Loslassen

Aus Gewohnheit lege ich den Stein am nächsten Morgen wieder neben mein Kissen. Ich atme aus und frage: „Tun oder nicht tun?“

Doch an diesem Morgen bleibt es still. Kein Echo. Keine reflektierten Gedankenspiele. Neben mir liegt einfach nur ein gewöhnlicher, schweigender Klumpen Granit. Bei diesem neuen Koan kann mir der Stein nicht mehr helfen. Ich muss ihn loslassen. Man kann schließlich nicht ewig mit einem Pflasterstein in der Tasche herumlaufen.

Ich bringe ihn zurück an den Ort, an dem ich ihn gefunden habe, und lege ihn in seine Lücke zurück. Es fühlt sich an wie ein Abschied; ich berühre ihn ein letztes Mal. Seitdem bin ich ein paar Mal dort vorbeigelaufen. Ich glaube, ihn wiederzuerkennen – aber dort liegen viele lose Steine, und sie sehen sich alle ähnlich.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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