Wie du Stress in Weisheit verwandelst

Im Dezember bat ich meine Kursteilnehmer, auf das vergangene Jahr zurückzuschauen – vor allem auf die Dinge, die nicht so gut liefen – und sich zu fragen: „Was kann ich daraus lernen?“ Selbst blicke ich auf ein Jahr mit vielen schönen Momenten und wunderbaren Begegnungen zurück. Viele Fragen und Geschichten eröffneten mir neue Perspektiven. Doch zum Glück gab es auch Situationen, die schwierig waren und aus denen ich Wichtiges lernen durfte.

Illustration von Zen-Meister Nan-In, der eine Teeschale überlaufen lässt, während ein Professor erschrocken zuschaut.
Der Professor, der versuchte, Nan-In zu überzeugen, erhielt eine typische Zen-Lektion.

Versuche niemals, zu überzeugen

Es gab Teilnehmer, die sich entschlossen, meinen Meditationsanweisungen nicht zu folgen und „ihr eigenes Ding“ zu machen. Andere erklärten mir wortreich, wie bestimmte Zen-Ansätze wirklich zu verstehen seien. Ich merkte: Wenn ich versuchte, sie von meinem Ansatz zu überzeugen, sank die Qualität meines Unterrichts erheblich. 

Ich musste einige dieser Situationen erleben, bis ich die Lektion endlich verstanden hatte: Versuche niemals, Menschen zu überzeugen. Es ist schon deshalb sinnlos, weil es keine festen Wahrheiten gibt, von denen es andere zu überzeugen gilt … Es ist, wie die Titelfigur in Hermann Hesses Roman Siddhartha sagt: „Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr!“ Wer sich das zu Herzen nehmen kann, gewinnt an mentaler Flexibilität, kann andere Perspektiven einbringen, kann lernen und lehren, ohne zu versuchen, andere zu überzeugen.

Lernen statt leisten

Im Zen spielt der sogenannte Anfängergeist (Shoshin ) eine zentrale Rolle. Er beschreibt einen Geisteszustand offener, wacher Präsenz. Für mich ist der Anfängergeist konkret eine Lebenshaltung, die aus jeder Situation lernen will.

Während die meisten ihre guten Vorsätze Ende Dezember fassen, nehmen wir uns in meinen Zen-Kursen den ganzen Januar die Zeit. Die gängigsten Vorsätze betreffen Ziele, die auf Leistung abzielen – und an Leistung kann man scheitern. Man nimmt sich vor, regelmäßig zu joggen, und hat es bis jetzt erst einmal geschafft. Da fängt das Jahr ja gut an … Wer sich hingegen vornimmt, zu lernen (etwa seinen inneren Schweinehund zu überwinden), kann nicht scheitern. Für ihn sind „gescheiterte“ Vorsätze keine Niederlagen, sondern wichtige Lernmomente auf dem Weg zur Erkenntnis.

Die Lernziele sind dabei unbegrenzt: Du kannst eine neue Sprache lernen, ein Instrument spielen, oder lernen, aufmerksamer zuzuhören. Wähle ein Lernziel, das dich in deinem Alltag wirklich unterstützt.

Lernen braucht Freiraum

Wer denkt, schon alles zu wissen, kommt zum Stillstand. Er hat keinen geistigen Raum mehr, um zu wachsen. Das erkannte schon der Zenmeister Nan-In. Er erhielt Besuch von einem Professor, der ihn bat, Zen zu erklären. Doch statt zuzuhören, redete der Professor ununterbrochen über seine eigenen Theorien. Nan-In servierte Tee. Er goss die Teeschale des Besuchers voll – und goss einfach weiter, als sie schon überlief. Der Professor schrie erschrocken: „Die Teeschale ist voll, es passt nichts mehr rein!“ Nan-In antwortete ruhig: „Genau wie diese Schale sind Sie voll mit Ihren eigenen Annahmen. Wie kann ich Ihnen Zen zeigen, wenn Sie nicht zuerst Ihre Tasse leeren?“

Diese Geschichte erinnert mich oft an die Momente, in denen ich selbst oder meine Gesprächspartner zu „voll“ sind. Die Sitzmeditation (Zazen) ist unsere Übung, um diesen Platz im Kopf immer wieder neu zu schaffen.

Anfängergeist: Die universelle Weisheit

Eine wunderbare Methode, den Anfängergeist zu kultivieren, ist, etwas völlig Neues zu lernen. Nimmst du dir vor, eine Sprache zu lernen, verstehst du am Anfang nur Bahnhof. Wie ein Kind lauschst du den fremden Klängen. Du bist offen, neugierig und urteilsfrei. Das ist der Kern des Anfängergeistes: ein lernender Geist, dessen Ausgangspunkt das Nichtwissen ist. Oder wie es der berühmte Zenmeister Hakuin Ekaku auf den Punkt brachte:

„Nichtwissen ist am nächsten zur Wahrheit. Die größte Erkenntnis ist, zu wissen, dass man nichts weiß.“

Diese Einsicht ist nicht auf den Osten beschränkt. Auch in der westlichen Weisheitstradition finden wir sie beim griechischen Philosophen Sokrates. Er hielt sich nicht für weiser, weil er mehr wusste als andere, sondern weil er als Einziger verstand: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Ob im alten Japan oder im antiken Griechenland: Wahre Weisheit beginnt dort, wo wir unser Wissen loslassen und uns erlauben, wieder zu lernen. So geht Anfängergeist.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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