Zenvolle Vorsätze

Wer zielt, verfehlt. Wer aufgibt, steht still. Die Kunst, deine Vorsätze loszulassen, um sie zu erfüllen.

Zen-Mönch beim Kyudo-Bogenschießen vor grünem Hintergrund, symbolisch für fokussierte Absicht ohne Fixierung auf das Ziel.
Kyūdō, die Kunst der ziellosen Zielgerichtheit

Gute Vorsätze und das vorprogrammierte Scheitern

„Nein, ich mache da nicht mehr mit. Dieses Jahr nehme ich mir keine guten Vorsätze“, sage ich in voller Überzeugung. In den vergangenen Jahren hatte ich bereits, als die Sektkorken zum Neujahr knallten, eine ganze Liste vorbereitet: Ich würde ernsthaft abnehmen, gesünder leben, mir vieles nicht mehr gefallen lassen, aber auch freundlicher sein. Doch irgendwann im Januar scheiterten schon die ersten Vorsätze, und am Jahresende waren alle auch wieder vergessen und das Ganze ging wieder von vorn los. Ein Ritual, auf das ich gerne verzichte.

Wir fassen gute Vorsätze oft aus der Vorstellung heraus, dass wir selbst nicht gut genug sind oder das Leben, das wir führen, uns nicht glücklich macht. Erst wenn wir gesünder leben oder disziplinierter unseren Vorsätzen folgen, erst dann wird das Leben besser. Wir wissen aber auch: Wenn unser Vorsatz einmal gelingt, sind wir einige Tage, Wochen und manchmal sogar Monate stolz und froh, bis wir wieder dieses Loch spüren und uns erneut Dinge vornehmen, um „echt“ glücklich zu werden. Ein heilloser Weg, den ich irgendwann nicht mehr weitergehen wollte.

Zen-Sein im perfekten Moment?

Zum Glück gibt es Zen und die Einladung, im Moment zu sein. Statt dem Hinterherrennen von idealen Vorstellungen für ein glückliches Leben, das Glück im Hier und Jetzt finden. Ich nehme mir einfach nichts mehr vor. Doch mit der Zeit erkenne ich: Stattdessen mache ich mir etwas vor, denn auch das Glück im Jetzt zu finden, ist ein Vorhaben, das um viele Male schwieriger ist als der Vorsatz, abzunehmen. 

Übrigens ist die Zen-Botschaft, im Hier und Jetzt zu leben, keine Einladung zu einem passiven Verharren im Status quo. Die Knospe einer Blume ist perfekt und voller Schönheit, trotzdem wird sie weiterwachsen und einst eine schöne Blume werden. Wir lieben das perfekte Baby, wollen jedoch, dass es lernt, zu gehen und zu sprechen. Der Moment ist kein sicherer Rückzugsort für Wachstumsverweigerer, sondern nur einer der endlosen Übergänge in einer sich ständig ändernden Wirklichkeit. Wir sind diesem Wandel jedoch nicht einfach ausgeliefert, sondern gestalten ihn als Teil dieser Wirklichkeit aktiv mit.

Die Kunst der ziellosen Zielgerichtheit

Im Kyūdō , der Kunst des Zen-Bogenschießens, lehrt der Meister den Schüler, nicht auf die Zielscheibe zu schauen. Viele verfallen dem Missverständnis, dass es im Zen darum geht, keine Ziele zu haben. Aber der Meister lehrt den Schüler nicht, ziellos in der Gegend herumzuschießen. Die Zielscheibe ist unverzichtbar. Der Bogenschütze soll genau wissen, wo die Zielscheibe steht und welchen Abstand der Pfeil zu überbrücken hat. Nur dann kann er es sich leisten, nicht mehr darauf zu schauen und sich völlig auf das Bogenschießen zu konzentrieren: auf seine Haltung, seinen Atem und die innere Ausrichtung. Kyūdō ist die Kunst der ziellosen Zielgerichtheit, in der du dein Ziel so verinnerlicht hast, dass du es loslassen und wachsen kannst, als Bogenschütze und als Mensch.

Wachstum aus Fülle, nicht aus Mangel

Wenn du dich auf den Weg machst, in Richtung deiner Ziele zu wachsen, musst du dir absolut im Klaren sein, wo du dich jetzt befindest. Betrachte das Hier und Jetzt nicht als einen Mangelzustand, aus dem du fliehen willst, sondern als den Startpunkt einer spannenden Reise. Habe dein Ziel klar vor Augen, aber lerne es loszulassen, um dich voll und ganz auf den Weg zu konzentrieren. So wirst du nie an deinen Vorsätzen scheitern.


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Leonne Boogaarts, Gründerin und Zen-Lehrerin von Zen-Meditation Berlin

Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin

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