Als Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, mit dem Leiden der Menschen konfrontiert wurde, beeindruckte es ihn so sehr, dass er beschloss, sein Leben daran zu widmen, es zu lindern. Der junge Prinz, der bisher ein Leben in Pracht und Wohlstand gelebt hatte, suchte die Lösung in einer extremen Askese. Das brachte ihm jedoch nicht weiter. Als er hungrig und müde unter einem Baum eine Schüssel Milchreis von einer Frau aus der Nachbarschaft akzeptierte, durchbrach er seine Askese und beschloss nicht vom Platz zu rühren, bis er die Antwort gefunden hatte. Nach 49 Tagen der Meditation kam ihm die Einsicht in die Ursache des Leidens, die er in seinen berühmten vier edlen Wahrheiten zusammenfasste:
1️⃣ Das Leben ist leiden. Alles, was entsteht, vergeht und das verursacht Schmerz.
2️⃣ Die Ursache des Leidens ist das Begehren. Wir haften an Wünschen und Vorstellungen, und das macht uns unglücklich.
3️⃣ Das Leiden kann überwunden werden. Wenn wir unsere Anhaftung loslassen, entsteht Freiheit.
4️⃣ Der Weg zur Beendigung des Leidens ist der achtfache Pfad. Achtsamkeit, Ethik und Weisheit helfen uns, bewusster zu leben.

Für mich sind diese uralten Sätze eine Inspiration für das Leben. Um auch andere zu inspirieren, thematisiere ich sie gerne in meinen Zen-Kursen. Diese Woche sprachen wir in den Kursen von Zen-Meditation Berlin darüber, was wir aus den edlen Wahrheiten für unseren Alltag lernen können.
Dukkha: immer gibt es irgendwas, das nicht rundläuft
Buddha erkannte, dass Leiden zum Leben dazugehört und unvermeidlich ist. Es umfasst nicht nur das „große Leiden“, wie Krankheit und Tod. In den Texten, die dem Buddha zugeschrieben werden, wird der Begriff Dukkha verwendet, was ein schlechtes Nabenloch bedeutet, das dafür sorgt, dass das Rad nicht richtig rundläuft und die Reise unangenehm wird. Dukkha umfasst also auch alltägliche Unannehmlichkeiten wie ein Einkaufswagen, dessen Räder nicht rundlaufen, die Bahn, die nicht rechtzeitig kommt, die Ehe, die zu Brüchen geht oder das Kind, das seine Hausaufgaben nicht machen will. Immer ist wohl irgendwas, das uns ärgert, Sorgen bereitet oder gar wütend macht.
Begehren: ständig wollen wir irgendwas
Buddha sieht unser Begehren als die Ursache des Leidens. Dabei sollte man das Begehren nicht auf die bloße Gier nach Materiellen oder Macht beschränken. Es ist nicht so, dass wir leiden, weil wir gierig sind, und wenn wir aufhören, gierig zu sein, leiden wir nicht mehr. Buddha verwendete den Begriff Taṇhā (wollen, verlangen, Durst), der für alles steht, was wir wollen. Und wir wollen ständig etwas. Sogar der Wille, weniger gierig zu sein oder gar nichts mehr zu wollen, ist letztlich nur eine weitere Form des Begehrens – und damit eine Ursache für Leiden. Nichts begehren zu wollen, ist genau so eine Illusion wie das Ende des Leidens.
Anhaftung und Unwissenheit
In der späteren Entwicklung des Buddhismus wurde die Ursache des Leidens in die Anhaftung gesehen. Es ist nicht das Begehren an sich, das das Dukkha verursacht, sondern das Festhalten daran, wenn es uns verwehrt bleibt. Eine andere Interpretation benennt das Unwissen als Ursache des Dukkhas: weil wir die Ursache nicht durchschauen, halten wir an unser Begehren fest und erfahren Dukkha. Immer, wenn unser Begehren auf eine Wirklichkeit trifft, die das, was wir wollen, nicht hergibt, gibt es Dukkha, solange wir daran festhalten.
Die gute Nachricht Buddhas ist, dass die Ursache des Leidens beseitigt werden kann. Wir können es durchschauen und unsere Wünsche loslassen, wenn die Wirklichkeit uns das, was wir wollen, verwehrt.

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Dukkha: warten auf den Zug
Wenn ich mit der Bahn verreise, will ich, dass der Zug mich pünktlich zu meinem Zielbahnhof bringt. Wenn ich schon bei der Abfahrt erfahre, dass der Zug sich erheblich verspätet hat, ärgert mich das natürlich. Ich kann diesem natürlichen Impuls folgen und ihm damit mehr Macht über mich geben. Letztendlich laufe ich wütend, mit geballten Fäusten in der Jackentasche, den Bahnsteig auf und ab. Meine Laune verschlechtert sich mit jeder Minute Verspätung, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt und in Gedanken beschimpfe ich die Bahn. All diese Anstrengungen machten Sinn, wenn dadurch der Zug eher eintreffen würde, aber dem ist ja nicht so.
Dukkha überwinden: entspannt auf dem Bahnsteig
Ich könnte die Verspätung jedoch auch als geschenkte Zeit betrachten, mir noch einen Kaffee oder einen Snack gönnen, noch etwas lesen oder mich mit meinen Mitreisenden unterhalten. Ich komme dann immer noch mit Verspätung, jedoch deutlich entspannter an mein Reiseziel an. Wenn ich durchschaue, dass es nicht der verspätete Zug ist, der mein Leiden verursacht, sondern meine Reaktion darauf, stellt sich das Leiden ein.
Es ist sicherlich nicht immer leicht, in solchen Situationen locker und entspannt zu bleiben. Und Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Es gibt Leute, die schon bei einer Verspätung von zehn Minuten ausrasten. Die leben wahrscheinlich gestresster, ungesunder und kürzer als ihre Mitreisenden, die die extra Zeit am Bahnsteig entspannter gestalten können. Für die Menschen, die auch Tage, an denen vieles schiefläuft, genießen wollen, empfiehlt Buddha, den achtfachen Pfad zu beschreiten.
Der achtfache Pfad: acht Richtlinien für ein bewussteres Leben
Mit dem achtfachen Pfad zeigt Buddha acht Bereiche auf, in denen wir an uns arbeiten können, um unsere Wahrnehmung zu schärfen und unser Verhalten bewusster zu steuern: rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenswandel, rechtes Streben, rechte Achtsamkeit, rechte Konzentration.
Es führt jetzt zu weit, um auf jeden dieser Bereiche einzugehen. Ich sehe den achtfachen Pfad im Allgemeinen jedoch als eine Einladung, aufmerksam und achtsam zu sein, mein Verhalten zu reflektieren und bewusste Entscheidungen zu treffen, damit ich mich nicht von meinen Impulsen überwältigen zu lassen brauche. Wer seinen Impulsen unreflektiert folgt, läuft wütend den Bahnsteig ab und auf, vermasselt sich den Tag und schadet seiner Gesundheit. Wer sich dahin übt, in den verschiedenen Lebensbereichen achtsam zu leben und bewusste Entscheidungen zu treffen, übt sich darin, gelassener zu bleiben, und das wirkt positiv auf die Lebensqualität, die Gesundheit und das Glücksempfinden.
Willst auch du lernen, besser mit dem Leben klarzukommen? Meditieren ist eine prima Übung, seinen Impulsen mit Achtsamkeit zu begegnen und sich nicht davon überwältigen zu lassen. Zen-Meditation Berlin bietet regelmäßig Probestunden an, in denen du ausprobieren kannst, ob die Zen-Meditation zu dir passt. Melde dich heute noch an.
Buddha: vom Leiden berührt
Seit zweieinhalbtausend Jahren inspiriert die Geschichte Buddhas Millionen von Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gelassenheit und innerer Freiheit. Ich empfehle hier einen Beitrag der niederländischen Zen-Meisterin Floor Rikken. Darin beschreibt sie, wie sie vom jungen Siddhartha lernte, nicht mehr vor dem Leiden wegzulaufen.

Leonne Boogaarts
Zen-Lehrerin und Gründerin von Zen-Meditation Berlin
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